1828_Mrike_130_103.txt

Befremdung durchaus eigen sein muss, selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrücklich verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Künstlers ganz entfernt davon sein, ja sie ist es notwendig. Auch der Geist, in welchem die Griechen alles personifizierten, scheint mir völlig verschieden von demjenigen zu sein, was wir soeben besprechen. Ihre Phantasie ist mir hiefür viel zu frei, zu schön und, möchte ich sagen, viel zu wenig hypochondrisch. Ein Totes, Abgestorbenes, Fragmentarisches konnte in seiner Naturwesenheit nichts Inniges mehr für sie haben. Ich müsste mich sehr irren, oder man stösst hier wiederum auf den Unterschied von Antikem und Romantischem."

Nun kam das Gespräch auf Teobalds neuste arbeiten, und da es hierauf abermals eine gewisse allgemeine Wendung nehmen wollte, sagte der Baron, indem er auf die Uhr sah: "Damit wir nun aber nicht unversehens in den unfruchtbarsten aller Dispute hineingeraten, denn wir sind auf dem Wege, was nämlich stärkender sei, ionische Luft einzuatmen, oder den süssesten Himmel, wo er den Umriss einer Madonnawange berührt, so entlassen Sie mich, damit ich meinen gewohnten Marsch antrete. Auf den Abend hoffe ich Sie bei mir zu sehen, und Sie sagen mir dann mehr von Ihrem angefangenen Narziss." Da Nolten wusste, dass der alte Herr morgens gerne allein auf seinen Gütern herumging, so drang er seine Begleitung nicht auf. Er bat Agnesen zu einem gang ins Gärtchen; sie befahl der Magd einige Geschäfte, ging in ihre kammer, ein Halstuch zu holen, und Teobald folgte ihr dahin.

"Hier sieh auch einen Mädchenkram!" sagt sie, indem sie die Schublade herauszieht, wo eine Menge Kästchen, Schächtelchen, allerlei bescheidner Schmuck bunt und nett beieinanderlag. Sie nahm ein rotes Schatullchen auf, drückte es an die Brust, legte die Wange darauf und sah Teobalden zärtlich an: "Deine Briefe sind's! mein bestes Gut! Einmal hast du mich diesen Trost lange entbehren lassen, und dann, als du gefangen warst, wieder; aber gewiss, ich habe mich nicht zu beklagen." Unserm Freund ging ein Stich durchs Herz und er erwiderte nichts.

"Dein neuestes Geschenk" (es war eine kleine Uhr), "siehst du", fuhr sie fort, indem sie eine zweite Schublade zog, "soll hier seinen Platz nehmen, es gehört ihm eine vornehme Nachbarschaft. Aber, Seele! was hast du damals gedacht? Das ist der Putz für eine Gräfin, nicht für unsereine!" (Sie zeigte einen geschmackvollen Spenzer von dunkelgrünem Sammet, reich mit goldnen Knöpfchen und zarten Ketten, statt der Litzen, besetzt; Larkens hatte ihr das Mass auf eine feine Weise abzulisten gewusst, und so das Kleidungsstück ganz fertig gesendet.) Teobald stand geblendet, vernichtet von der Grossmut seines Freundes. Er spielte in Gedanken mit einem Strauss italienischer Blumen, ohne zu merken, wie jämmerlich seine Finger ihn zerknitterten; Agnes zog ihm das Bouquet sachte aus der Hand: er lächelte, die Tränen standen ihm näher. Das Kollier der Gräfin fiel ihm ein; er wagte immer noch nicht, damit hervorzurücken. Wie alles, alles ihn verletzte, quälte, entzückte! ja selbst der reizende Duft, der den Putzschränken der Mädchen so eigen zu sein pflegt, schien ihm auf einmal den Atem zu erschweren; es war Zeit, dass er sich losmachte und auf sein Zimmer ging, wo er sich elend auf den Boden warf, und allen verdrungenen Schmerzen Tür und Tor willig eröffnete.

In kurzem klopft Agnes aussen: er kann nicht aufschliessen, er darf sich in diesem Zustand nicht vor ihr sehen lassen. "Ich kleide mich an, mein Kind!" ruft er, und leise geht sie wieder den gang zurück.

Nach einer Weile, da er sich gefasst hatte, kam der Vater. "Auf ein Wort!" sagte er, als sie allein waren, "das wunderliche Ding, das Mädchen, jetzt geht es ihr im Kopf herum, sie hätte Ihnen vorhin spielen sollen; sie fürchtet sich davor und wird sich fürchten, bis es einmal überwunden ist; nun fiel's ihr ein, sie wolle sich geschwinde entschliessen" – "Nur jetzt nicht!" rief Nolten, "ich bitte Sie um Gottes willen, Papa, nur diesen Morgen nicht!" "Warum denn?" versetzte der Alte, in der Meinung, Teobald wolle nur das Mädchen geschont wissen, "wir müssen den Augenblick ergreifen, sonst machen wir sie stutzig; sie ist ganz guten Muts: ich riet ihr, zugleich in dem neuen Anzug zu erscheinen und Sie zu überraschen, das schien ihr die Aufgabe zu erleichtern, denn sie kann sich einbilden, das wäre nun die Hauptsache. Lassen Sie's zu diesmal! Sie wird gleich fertig sein und Sie kommen dann hinüber." So musste Nolten nachgeben, der Alte ging und rief ihn in kurzem.

Da stand sie nun wirklich! glänzend, schön, einer jungen Fürstin zu vergleichen. Innig verwundert und erfreut ward Teobald durch den Anblick. Es war ihm so fremd, sie so geschmückt zu sehen, und doch schien ein solcher Anzug ihrer einzig würdig zu sein. Ein weisses Kleid stand gar gut zu dem prächtigen Spenzer und einige Blumen zierten das Haar. Wie lebhaft empfängt er die Verschämte in seinen Arm! wie selig blickt sie ihm in die Augen!

"Nun aber lache mich nicht aus!" sprach