an ihren Platz. So treibt sie's zu verschiedenen zeiten ein paarmal. Zuletzt ward ich doch ungeduldig und fuhr sie etwas hart an, da fiel sie in ein Weinen, indem sie sagte: 'Gesteht es nur Papa, dass es die Länder und Städte gar nicht gibt, von denen Ihr alls redet mit dem Herrn; ich merke wohl, man tut nur so, wenn ich um den Weg bin, ich soll wunder glauben, was alles vorgehe draussen in der Welt, und was doch nicht ist; deswegen lasst Ihr mich auch nie weiter als bis nach Weil, nach Grebenheim und Neitze. Zwar dass unsers Königs Land sehr gross ist, und dass die Welt noch viel viel weiter geht auch noch andre Völker sind, weiss ich wohl, aber Paris, das ist gewiss kein Wort, und London, so gibt es keine Stadt; Ihr habt es nur erdacht und tut so bekannt damit, dass ich mir alles vorstellen soll.' – So ungefähr schwatzte das einfältige Ding; halb ärgert's mich, halb musst ich lachen. Ich gab mir Mühe, ihr alles klar auseinanderzusetzen, wies ihr auch die Karten, die sie übrigens schon oft gesehen hatte; dabei lauschte sie immer auf meine Miene, und der kleinste Zug von lachen brachte sie fast zur Verzweiflung. Nun, die Kaprice verlor sich bald, und als ich sie vor etlichen Jahren wieder dran erinnerte, lachte sie sich herzlich selber drüber aus, erklärte deutlicher, wie's ihr gewesen, und sagte – ich weiss nicht was alles." "Kurz", nahm Teobald das Wort, "es läuft darauf hinaus, dass sie sich als Mittelpunkt und Zweck einer grossen Erziehungsanstalt betrachtete, die auf jene Weise allerlei lebhafte Ideen in des Kindes kopf habe in Umlauf setzen und seinen Gesichtskreis durch eine Täuschung erweitern wollen, deren Nutzen sie zu ahnen glaubte, doch nicht begriff. Sie vermutete, man wisse überall, wohin sie komme, wer ihr da und dort begegnen werde, und da seien alle Worte abgekartet, alles auf das sorgfältigste hinterlegt, damit sie auf keinen Widerspruch stosse. übrigens hatte sich die Grille durchaus nicht so festgesetzt, dass sie nicht dazwischen hinein wieder längere Zeit ganz frei davon gewesen wäre, sie schien sich selbst nicht recht dabei zu trauen. Ich habe sie nie darüber fragen mögen."
"Indessen", sagte der Baron nach einigem Besinnen, "bei näherer Betrachtung zeigt sich doch, es gehört dieser skeptische Kasus, der allerdings höchst merkwürdig bleibt, nicht ganz in unser voriges Kapitel. Lassen Sie uns noch einen Augenblick zu jenem glücklichen Mystizism des Knabenalters zurückkehren! denn eigentlich sind es doch nur die Knaben, nicht aber die Mädchen, bei denen er sich findet. Das wollt ich noch sagen: denken Sie wohl, dass Subjekte von dieser angenehm phantastischen Komplexion – wozu ich überdies, was nicht notwendig dabeisein muss und bei den wenigsten ist, eine grössere Portion Geist überhaupt zusetze – dass, sag ich, solche Individuen jedesmal zu Dichtern und Künstlern geboren sind? ich sollte nicht meinen."
"Keineswegs!" versetzte Nolten. "Ich habe mir bei einem mann, der scheinbar nicht hieher gehört, bei Napoleon, einige geheime Eigenschaften gemerkt, welche sich sehr gut an gewisse Fädchen von Lichtenbergs eigenster natur anknüpfen lassen; sie berühren zwar nicht eben das, wovon wir jetzt reden, aber sie hängen mit einer Gattung Aberglauben zusammen, der ein Grenznachbar aller Idiosynkrasien ist."
"Napoleon!" rief der Baron aus, "als wenn nicht auch sein Aberglaube nur angenommene Maske wäre!"
"Machen Sie mir ihn nicht vollends zum seichten Verbrecher!" entgegnete Nolten. "Er war nüchtern überall, nur nicht in dem tiefsten Schachte seines Busens. Nehmen Sie ihm nicht vollends die einzige Religion, die er hatte, die Anbetung seiner selbst oder des Schicksals, das mit göttlicher Hand ihm einen Spiegel vorzuhalten schien, worin er sich und die notwendigkeit seiner Taten erblickte."
"Wir lassen das gut sein", versetzte der Baron, "soweit ich Sie aber verstehe, haben Sie vollkommen recht. Das Schicksal verwendet die Kräfte, welche verschränkt in einem Menschen liegen können, gar mannigfaltig, und aus einer Mischung von Poesie, bald mit politischem Verstand, bald mit philosophischem Talent, mit matematischem Sinn u.s.f., in einem und demselben Subjekte springen die wunderbarsten, die grössten Resultate hervor, vor denen die Gelehrten gaffend und kopfschüttelnd stehen und wodurch das lahme Rad der Welt auf lange hinein wieder einen tüchtigen Schwung erhält. Da scheint denn die natur vor unsern eingeschränkten Augen sich auf einmal selbst zu widersprechen, oder wenigstens zu übertreffen, sie tut aber keines von beiden. Zwei heterogen scheinende Kräfte können sich wunderbar einander stärken, und das Trefflichste hervorbringen. Doch ich verirre mich. – Ich wollte von Ihren kindischen Geständnissen aus nur auf den Punkt kommen, wo der Philister und der Künstler sich scheiden. Wenn dem letzteren als Kind die Welt zur schönen Fabel ward, so wird sie's ihm in seinen glücklichsten Stunden auch noch als Mann sein, darum bleibt sie ihm von allen Seiten so neu, so lieblich befremdend.
Am meisten als Entusiast hat Novalis (der mir übrigens dabei nicht ganz wohl macht) dieses ausgesprochen, soweit es den Dichter angeht –"
"Ganz recht!" fiel Nolten ein; "aber wenn dem wahren Dichter bei dieser besonderen Anschauungsweise der Aussenwelt jene holde