1828_Mrike_130_100.txt

auf den Vater gespannt, der es liebte, mit seiner Tochter über politische begebenheiten zu räsonieren und ihr Urteil daran zu prüfen und zu üben.

Unser Freund kam sich ganz verstossen und verlassen vor, und wenn sein blick auf das liebe Mädchen fiel, so schien sie ihm gar nicht mehr anzugehören, ihn niemals etwas angegangen zu haben.

Wie nun aber unser Herz, durch die Dazwischenkunft eines kleinen Umstandes sich von einem Äussersten zur natürlichen Empfindung geschwind umschwenken zu lassen, eine wohltätige Fertigkeit besitzt, so war, als nun die tür aufging und unerwartet der gute alte Baron eintrat, unser Freund alsbald sich selbst zurückgegeben, und nicht die Erscheinung einer Gotteit hätte ihm wohler tun können. Mit ausgestreckten Armen eilt er auf ihn zu und liegt schluchzend, als ein Kind, am Halse des ehrwürdigen Mannes, dessen weissgelockten Scheitel er mit Küssen deckt. Auch bei den übrigen war Freude und Verwunderung gross; sie hatten den gnädigen Herrn noch hinter Berg und Tal gedacht, und er erzählte nun, wie ein Ungefähr ihn früher heimgeführt, wie man ihm gestern abend spät bei seiner Ankunft gesagt, dass der Maler angekommen, und wie er denn kaum habe erwarten können, denselben zu begrüssen.

Es macht bei solchen Veranlassungen eine besonders angenehme Empfindung, zu bemerken, wie Freunde, zumal ältere Personen, welche man geraume Zeit nicht gesehen, gewisse äusserliche Eigentümlichkeiten, gewohnte Liebhabereien, unverändert beibehielten; dies Beharren gewährt uns eine Art von Versicherung für unser eigenes Dasein, denn indem wir in den Alten das Leben, das diese so eifrig festalten, doppelt liebgewinnen, finden wir Jüngere uns zugleich in unsern Ansprüchen darauf und in einem herzhaften Genusse desselben bestärkt. So hatte der Baron bei diesem Besuche seinen gewohnten Morgenspaziergang, den er seit vielen Jahren immer zur selben Stunde machte, im auge, so stellte er sein Rohr noch wie sonst in die Ecke zwischen den Ofen und den Gewehrschrank, noch immer hatte er die unmodisch steifen Halsbinden, die an seine frühere militärische Haltung erinnerten, nicht abgeschafft. Aber zum peinlichen Mitleiden wird unsre frohe Rührung umgestimmt, wenn man wahrnehmen muss, dass dergleichen alles nur noch der Schein des frühern Zustandes ist, dass Alter und Gebrechlichkeit diesen überbliebenen Zeichen einer bessern Zeit widersprechen. Und so betrübte auch Nolten sich im stillen, da er den guten Mann genauer betrachtete. Er ging um vieles gebückter, sein faltiges Gesicht war bedeutend blässer und schmaler geworden, nur die wohlwollende Freundlichkeit seines Mundes und das geistreiche Feuer seiner Augen konnte diese Betrachtungen vergessen machen.

Während nun zwischen den vier Personen das Gespräch heiter und gefällig hin und her spielt, kann es bei aller äussern Unbefangenheit nicht fehlen, dass Nolten und der Baron durch blick und Miene, noch mehr aber durch gewisse zufällige, unbeschreibliche Merkmale des Ideengangs sich einander unwillkürlich verraten, was jeder von beiden bei diesem Zusammentreffen besonders denken und empfinden mochte, und unser Freund glaubte den Baron vollkommen zu verstehen, als dieser mit ganz eignem Wohlgefallen und einer Art von Feierlichkeit seine Hand auf das schöne Haupt Agnesens legte, indem er einen blick auf den Bräutigam hinüberlaufen liess. Nolten fand einen Trost darin, dass er den heimlichen Vorwurf, das teure geschöpf so tief verkannt zu haben, mit einem mann teilen durfte, den er so sehr verehrte; ja es war diese idee, wiewohl vielleicht nur dunkel, eben dasjenige gewesen, was ihm gleich bei des baron Eintritt ins Zimmer die grösste Last vom Herzen weggenommen. Der feine Greis mochte übrigens recht haben, jene verdeckte Zwiesprache der Gedanken sogleich abzuschneiden, indem er in allgemeinen heitern Umrissen von Teobalds Glück, wie es von unten herauf mit ihm verfahren, eine Darstellung machte, und man so auf die Jugendzeit Teobalds zu sprechen kam. Agnes inzwischen hatte sich in Geschäften entfernt.

"Man sagt mir noch auf den heutigen Tag ins Gesicht", begann der Maler, "und selbst mein wertester Herr Papa gibt zuweilen zu verstehen, ich sei länger als billig ein Knabe geblieben. Zu leugnen ist nun nicht, meine Streiche als Bursche von sechzehn Jahren sind um kein Haar besser gewesen, als eines Eilfjährigen, ja meine Liebhabereien sahen vielleicht bornierter aus, wenigstens hatten sie die praktische Bedeutung nicht, um derentwillen man diesem Alter manche Spiele, wären sie auch leidenschaftlich und zeitvergeudend, noch allenfalls verzeihen kann. Bei meiner Art sich zu unterhalten, wurde der Körper wenig geübt; Klettern, Springen, Voltigieren, Reiten und Schwimmen reizten mich kaum; meine Neigung ging auf die stilleren Beschäftigungen, öfters auf gewisse Kuriositäten und Sonderbarkeiten. Ich gab mich an irgendeinem beschränkten Winkel, wo ich gewiss sein konnte, von niemanden gefunden zu werden, an der Kirchhofmauer, oder auf dem obersten Boden des Hauses zwischen aufgeschütteten Saatfrüchten, oder im Freien unter einem herbstlichen Baume, gerne einer Beschaulichkeit hin, die man fromm hätte nennen können, wenn eine innige Richtung der Seele auf die natur und die nächste Aussenwelt in ihren kleinsten Erscheinungen diese Benennung verdiente denn dass ausdrücklich religiöse Gefühle dabei wirkten, wüsste ich nicht, ausgeschlossen waren sie auf keinen Fall. Ich unterhielt zuzeiten eine unbestimmte Wehmut bei mir, welche der Freude verwandt ist, und deren eigentümlichen Kreis, Geruchskreis möchte ich sagen, ich, wie den Ort, woran sie sich knüpfte, willkürlich betreten oder lassen konnte. Mit welchem unaussprechlichen Vergnügen konnte ich, wenn die andern im hof sich tummelten, oben an einer Dachlükke sitzen, mein Vesperbrot verzehren, eine neue Zeichnung ohne Musterblatt vornehmen! Dort nämlich ist ein Verschlag von Brettern, schmal