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Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen wird: Sohn! wie hast Du mein Gelübde geheiligt? Es ist nicht gelöset, und doch nicht erfüllt worden! – Ich danke Euch, Fiorilla, für Eure angebotne hülfe, allein, Gott sei Dank; der Helfer ist in meiner eignen Brust. Lasst die Sache beruhen, und uns lieber geduldigen Gemüts vernehmen, was der oheim, den ich kommen höre, mir zu verkündigen haben wird."

Wirklich trat auch der Prälat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach, Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht unbedeutenden Bewegung, und auch der gang war nicht so sicher, wie wohl sonst. – "Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen!" – rief ihm Dagobert entgegen, der alsobald über die Besorgniss für den Vater das so eben abgehandelte Gespräch vergessen hatte: "Martert mich nicht. Was ist geschehen?" – "Der Herr hat es noch wohl gemacht;" erwiderte Hieronymus, kläglich auf die Ruhebank sinkend: "der Bruder lebt, und wird bald vollends genesen sein, aber ein Unfall hat ihn betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann. In der Dämmerung sich nach haus wendend, begegnete ihm ein Freihart in Pudelmütze und Wolfspelz, und schaut ihm mit blutrot gefärbtem Angesichte keck und unverschämt unter das herabgekrampte Piret. Dein Vater fährt zurück." Der Wüterich, dem die leere Strasse Mut zulegt, fragt ihn höhnisch: "Kauf mir ein Menschenleben ab, Schöff!" – Und da nun der Bruder ihn zurückstösst, und den Mund öffnet, um nach hülfe zu schreien, so fühlt er bereits das Messer des Wehrwolfs unter seinen Rippen sitzen, und sinkt dahin. "Gute Nacht, alter Frosch!" ruft ihm noch der hässliche Mörder in's Ohr: "Dein Fröschlein kommt nach!" und packt den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen, und wahrscheinlich kopfüber in der Hirsche Revier hinabzustürzen. Da nahen aber glücklicherweise Leute; um seines Werks wenigstens sicher zu sein, führt der Verfluchte noch einen Stoss gegen die Brust des armen Dieter's. Der Stahl prallt jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab, und der Blutund entflieht. Die Wunde wurde, von wenig Bedeutung zu sein, erkannt, und wie gesagt, Dein Vater ist auf dem Wege zur vollen Besserung.

"Abscheuliches Verbrechen!" riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.

"Nun ist aber dennoch auf sotanem Schmerzenlager" – fuhr der Prälat fort – "der Gedanke in dem Bruder erwacht: es möchte denn doch vielleicht der Herr einst schnell über ihn gebieten, und da es löblich ist, in solchem Alter und solcher Befürchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln, und sich mit denjenigen zu versöhnen, mit denen ein unbilliger Hass uns entzweit hat, so verlangt der wackre Dieter, ich solle mich in Deiner und Wallradens Gesellschaft zu ihm begeben, um das fest seiner Heilung in seinem haus feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser gelegenheit wieder in alle Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden."

"Daran tut mein allzuguter Vater gerecht und wohl;" erwiderte Dagobert: "obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient, und auch nicht zu würdigen vermag. Was beschliesst Ihr aber hierauf, mein hochwürdiger oheim und Herr?"

"Hm!" sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschütteln: "Ich meine, dass es vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen kammer dem Herrn für das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke, und zu Ehren unsrer lieben Frauen, die durch ihre Fürbitte des Mörders Stoss fehl gehen liess, einige Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Aussöhnung bewegen, und überlassen es Dir gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten, und wohlbehalten wieder anher zu führen."

"Mit nichten;" äusserte Dagobert aufstehend und kalt: "Wallrade bedarf meines Geleits nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser süssen Pflicht sich leicht unterziehen, wenn nicht kaiserliche Majestät selbst ihren Reisestallmeister machen will. Euch überlasse ich es, oheim, die Liebenswürdige vorzubereiten. Unstreitig wisst Ihr ihren jetzigen Aufentalt besser denn ich, der nur dann und wann von müssigen Stadtzungen Gerüchte und Vermutungen hört, die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden den Vorzug im Vaterhause einräumen, und daher einzurichten suchen, dass ich an dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schliesslich danke ich Euch demütigst für Eure gehabte Mühe, und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rühmen wissen, da es Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhasste deutsche Geburtsland vorzudringen. Gute Nacht, würdiger Herr!"

Der Prälat sah betroffen, beschämt und staunend dem Neffen nach, derwie er endlich zu begreifen begann, – unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemüte um so empfindlicher wehe tat. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an, und sagte: "Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, dass ich vor mir selbst errötete. Könnt Ihr mir vergeben, wozu ich Euch verleiten wollte?" – "Von ganzem Herzen!" erwiderte Dagobert, denn Ihr wart weit entfernt, mich zu beleidigen. Euch reisst die leidenschaft dahin, und zwingt Euch zum Tribut