soll darum nicht wegfallen!" –
Der Prälat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein ungebührliches Pochen und Lärmen gestört zu sehen, und traute kaum dem Bericht des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkündete, welcher Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr geneigt war, an eine beabsichtigte Gewalttätigkeit seines Wildfangs von Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Mühe von dem Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu versammeln.
"Entschuldigt meinen seltnen, späten und überlästigen Besuch!" rief Dagobert beim Eintreten: "Mein Geschäft bei Euch ist kurz, aber um so dringender!" – Der Prälat lief einige Schritte zurück, da Dagobert's Hand rasch nach dem Gürtel fuhr, um den Brief herauszuziehen, und die Versicherung Fiorillens, es sei wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genötigt, ihm wie einem widerstrebenden kind die Finger zu öffnen, und den Brief hineinzulegen, mit der Bitte, doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzuteilen.
Nun begann der Mut des Prälaten wiederum zu wachsen. "Per Dio e la santissima vergine!" rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner Besorgniss einsah: "heisst das nicht die Roheit eines deutschen Lümmels auf die höchste Spitze steigern? Wie nanntest Du Dich vorhin? Einen seltnen, späten, überlästigen Gast? Ja wohl; eine Lüge sagtest Du mindestens nicht in diesen Worten. Ist das eine seine Zucht und Sitte? Überfällt bei Nacht und Nebel, einem Buschklepper gleich, seinen oheim, einen Prälaten, der noch obendrein aufgebracht gegen ihn ist, und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel. Und warum dieser stürmische Überfall, der manchem weniger Beherzten den blassen Tod hätte zufügen können? weshalb dieser Gräul? Um einen Brief zu überbringen, der morgen eben so gut gelesen werden könnte, denn heute." –
"Mag sein, oheim;" erwiderte Dagobert: "ich kann Euch aber darum doch nicht helfen. Meine Besorgniss ist zu gross. Meinem Vater ist ein Unfall zugestossen, dessen nähern Verlauf ich heute noch wissen muss." – "Höre doch einmal zu, Fiorilla!" seufzte der Prälat, trostlos die hände faltend: "Höre doch, wie der Gelbschnabel zu mir spricht. Wie ein Guardian zu einem Novizen. Was geht mich denn seine Besorgniss an? Warum m u ss ich denn gerade heute noch das Schreiben lesen?" – "Weil es meinen Vater betrifft;" versetzte Dagobert heftig, der freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich – kurz und gut – nicht eher aus dem haus gehe, als bis ich weiss, was den Meinen zugestossen. – "Du wirst sehen," raunte der Prälat Fiorillen in's Ohr – Du wirst sehen, er setzt uns noch auf die Gasse, und macht sich breit in meinen vier Pfählen. Sieh nur, er glüht im gesicht wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er am Veitstanz laborirt, oder – was den deutschen Bären öfters zu begegnen pflegt – gerade von einer verderblichen Lust zu morden und zu wüten befallen ist – wer weiss das? – "Tut ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt;" ermahnte Fiorilla: "Sohnesliebe spricht aus ihm." – "Nun, wenn Du meinst;" versetzte der Prälat: "so sei es drum. Gib mir die Brille, und zünde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weisst wohl, setzte er leiser hinzu, dass ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange studiren muss mit meinen blöden Augen, und ich kanns nicht leiden, dass der wilde Laffe davon Zeuge sei. Unterhalte ihn indessen, wenn Du Dich vor ihm nicht fürchtest; und suche ihn zu begütigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm rumort." – Fiorilla versprach ihm, ihr Möglichstes zu tun, und der Prälat schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert hatte sich in einen Sessel geworfen, und starrte erwartungsvoll zur Decke empor. Fiorilla machte sich allerlei in der stube zu schaffen, näherte sich dem Schweigenden, entfernte sich wieder von ihm, hustete, sprach mit dem Sittich, und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen, die sonst wohl der Männer Aufmerksamkeit rege machen, trat sie auf's Neue zu dem Jüngling und klopfte ihm leise auf die Schulter. Dagobert tauchte aus der Flut seiner Gedanken auf, und sah verwundert in das Auge des lieblichen Mädchens, in welchem sich weder Leichtfertigkeit, noch stille sehnsucht, wohl aber die freundlichste Teilnahme aussprach. "Warum so verloren?" redete Fiorilla sanft und wohltuend den Vetter an: "Was kann Euch so sehr betrüben und kränken? Euer Vater ist ja nicht gestorben, da er selber Urkund von sich gibt, und andrer Schmerz belastet Euch nicht!" – "Ihr habt Recht, Mühmchen;" entgegnete Dagobert leicht: "für heute ist Ungewissheit mein Einziger." – "Wir Frauen möchten so gerne jede Plage von der Brust des Mannes nehmen," fuhr Fiorilla fort: "Wie lohnt ihr mir, wenn ich diese Frauenpflicht an Euch übe? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in die Farbe der Rosen tauche?" – "Versucht's!" sprach Dagobert: "