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der seit geraumer Zeit weniger für die Stadt schreibt, als Boten reitet, und gerade wieder, mit Schriften beladen wie ein Maultier, von Frankfurt daher getrabt kam." Der Gruss von ihm war kurz, und er warf sich gleich mitten in das Gesprächsel. "Wisst ihr etwas Neues, ihr Herrn?" rief er: "Am Abend des verwichnen Tages der heil. Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schöff und Altbürger Dieter Frosch ermordet worden!" – "Ermordet?" rief Dagobert, entsetzt vom Tisch aufspringend: "Verdammt sei Deine Zunge, die solche Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte!" – "Hat sich wohl!" brummte Gerhard unwillig: "Wo der Kopf vergisst, schweigt auch die Zunge ohne bösen Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzt zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl vergällen? Wo wollt Ihr aber hin?" – "Zu den Herren von Frankfurt!" erwiderte Dagobert, und suchte sich ängstlich von dem Zurückhaltenden los zu machen. – "Nehmt doch Vernunft an!" sprach Gerhard entgegen: "die Schöffen sind nicht daheim. Die Abgeordneten der Reichsstädte haben heute ein gross Convivium im goldnen Brunnen." – "So will ich dortin!" rief Dagobert: "Lass mich!" – "Bleibt doch!" erwiderte Gerhard: "Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Füllen, aber ich leide es doch nicht, dass Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt." – Dagobert besann sich, "Du hast Recht;" sprach er: "ein schiefes Wort, ein schiefer blick nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der, wie begreiflich, mein Leid nicht fühlt, könnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch Du: sieh! ich will mich zu Dir setzen, ganz ein Mann sein, trotz Einem, aber sage mir, wie ging das Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu verschliessen, und nur dann weinen, wann Du es erlaubst; sage mir aber, wie ward das Grässliche vollbracht? wie ward mein Vater ... o, mein Gott! ... wie wurde er erschlagen?" – "Junker!" antwortete Gerhard, verlegen ob der nicht geahnten Heftigkeit des jungen Mannes: "Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so wenig weiss, als Ihr. Vielleicht aber" – hier nestelte er den weiten Ärmel seines Kollers auf ... "vielleicht belehrt Euch diess Schreiben eines Bessern. Der Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit, und Euch es zu übergeben, vertraute mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatte' ich's vergessen, doch kommt's auch jetzt nicht zu spät." – "Da!" fuhr er fort, indem er das wohlversiegelte Schreiben aus dem Ärmel fischte, und dem gierig darnach greifenden Dagobert langsam reichte: "Da ist der Brief, Euer Vater schreibt Euch darin die ganze Begebenheit selbst." – "Er selbst?" fragte verwundert der Jüngling, das Schreiben staunend in den Händen haltend, und einen blick auf die Aufschrift werfend: "Wahrhaftig, er selbst! fuhr er fort mit steigender Hitze: Einfältiger Weinschlauch! und Du konntest mich beinahe zum tod erschrekken? Danke es dem Himmel, dass keine Waffe an meiner Hüfte hängt! Dieser Augenblick wäre Dein letzter!" – "Fröschlein! Ihr redet irre!" erwiderte Gerhard, der sich scheu in die Ecke schmiegte: "Was ficht Euch an? Ist das der Dank für meine gutmütige Teilnahme?" – "Ich möchte lachen, wäre mir nicht so fürchterlich ernst zu Sinne;" begann Dagobert auf's Neue: "lachen ob Deiner beklagenswerten Einfalt. Mensch! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest mich durch die Botschaft von meines Vaters tod? kann aber der tot sein, der mir von diesem Mord geschrieben?" – "Ich dummer Hans!" murmelte Gerhard durch die Zähne, und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne: "Dümmer als ein Gänserich. Es ist auch wahr. Vergebt, Fröschlein; gestorben wird er nun wohl nicht sein, aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen, dass gewiss etwas Schreckliches vorgefallen." – Dagobert wollte so eben, seinem Zweifel zu entgehen, die Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lösen, als er noch einen blick der Aufschrift schenkte. "Nein!" rief er alsdann: "bei unsrer lieben Frau vom Berge! Da hätte ich etwas Hübsches angerichtet. Das Schreiben gehört meinem würdigen oheim, dem Prälaten. Der eifrige Mann würde mich in Bann tun, käme es verletzt in seine hände. Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich Dich jetzt allein lasse, zur Stunde, wo der Becher Dir am besten mundet. Ich denke das Versäumte nächstens einzuholen. Für jetzt aber eile ich, den oheim, so leid mir's tut, aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stören, denn bis morgen die Ungewissheit zu ertragen, vermag mein Gemüt nicht. Gute Nacht!" – "Gute Nacht, Junker," entgegnete Gerhard: "Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich?" – "sorge nicht;" beruhigte ihn Dagobert: "Was kann der Mund, dafür, dass er einem ungeschickten kopf gehorcht? Iss und trink! die freie Tafel bis zum Tage des Turniers