kann, wie der Rüde den Dachs?"
"Leiden konnte, Fröschlein, leiden konnte;" versetzte Gerhard in seiner ungestörten Friedlichkeit, indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte: "Seine herzogl. Gnaden sind aber jetzt mindestens nicht ungnädig auf mich. Im Gegenteil. Der versöhnliche Fürst hat mich durch den Herrn Schöffen von Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am Zwanzigsten dieses Mondes März zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkünste zu verherrlichen; indem – wie er sich huldreichst auszudrücken geruhte – Keiner von allen anwesenden Kämpen im Bügel- und Ringelrennen, im Kolbenschlag und Fusskampf meines Gleichen sei."
"Beneidenswerter!" rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend: "Die Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste, und es kann Dir gar nicht fehlen, bleibt Deine Rechte nur gesund, und Dein Leib wohl genährt."
Das Letztere sei auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Lasst sehen, Junker; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten? – "Fünf Tage, mein Gesell;" berichtete ihn Dagobert: "Bis dahin fei mein Gast. Du sollst einen dankbaren Schuldner an mir finden. Was das Concilium an essbaren Stockfischen aufweisen kann, soll Dein sein. Der beste Rebensaft werde Dir kredenzt. Verlangst Du Tafelmusik, sie soll Dir nicht fehlen? Siehst Du reizende Aufwärterinnen gerne an Deinem Tische? Ich schaffe sie Dir, anmutiger als die plumpen Turgauer Dirnen, die so eben die leeren Schüsseln wegtragen, sittsamer als die leichtfertigen Jägerinnen in Frau Waldina's Gefolge. Kennst Du das Mährlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an Dir verwirklichen, und Dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo Du noch, ein langknochiger Bube, die trägen Füsse unter Deines Vaters Tisch stecktest, und ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekümmert, ob es die Vöglein vom Himmel, oder Dein Vater von der Heerstrasse gebracht." – Der unverzagte Esser liess den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die verglasten Augen auf gegen Himmel, und eine Mischung von Wehmut und lächelnder Erinnerung breitete sich über sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit weicher stimme: "Ach, lieb Fröschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine Halsberge nicht zum Besten schliesst. Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte ihn bei der Seligkeit! ... er starb wie ein wackrer Edelmann. Tut mir die Liebe, wertes Fröschlein, und tut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch feierlich zutrinke, als das Gedächtniss an einem ehrenwerten Mann!" – "Von Herzen gern!" antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfüllend: "Auf das Wohl eines Biedermannes trinke ich stets, sässe er auch schon im Fegefeuer. Und auf Dein Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil Du Deines Vaters Angedenken dergestalt in Ehren hältst. Das hätte ich nicht hinter Deinem groben Fell gesucht; und wahrlich, ich werde hinter Deiner Tugend nicht zurück bleiben, wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen." –
Da riss mit einem Male der Hülshofner die von wehmütiger Weinlaune feuchtgewordnen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besonderen Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne, wie einer dem etwas entfallen war, und der sich, jetzt fast zu spät, dessen verdrüsslich erinnert, und seufzte: Guter Junker! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt, so ist es dasjenige, welches lautet: "Im W e i n ist Wahrheit; Ihr habt die Ahnung, ich die Erinnerung wieder im Becher gefunden. Vergessen hatte ich schändlich, was Ihr doch wissen müsst. Fasst Euch, lieber freigebiger, teilnehmender Frosch; und glaubt, dass ich Eure Bekümmerniss teilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja; schaut mich nur an, wie den Bischof die verwunderte Katze. Euer Lächeln wird sich verkehren in Trübsal. Euer Vater hat den Schöffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er ruhe in Frieden!" –
Mit offnem mund und gespannten Zügen sass Dagobert dem Hiobsboten gegenüber, dessen Weichmut in eine Tränenflut überging, die einige schnell geleerte Becher kaum auftrocknen konnten. "Sage mir doch," fing Dagobert endlich kleinlaut an: "ist denn noch Fasching, oder heisst man am nächsten Sonntag: Lätare? Unglücksrabe! spricht der Rausch aus Dir, oder ist sie Wahrheit, die Botschaft, die Du mir, – dem Freien – ans Deinem gefängnis bringst?" – "Wahrheit, lieb Junkerchen;" versicherte Gerhard ganz treuherzig: "die Sache ist die folgende. Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von Frankfurt, den Schöffen, die hier im haus wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangelienbuche findet, mich einen Wüstling und Händelsucher zu nennen, und was dergleichen mehr ist, welches auch gerade nicht hieher gehört. Der Herr von Braunfels nahm sich meiner an, und die Beiden sagten sich derbe Worte ...."
"Um Gottes willen!" fiel Dagobert ein: "lass die Umschweife, vollende!"
"Ich bin's eben im Begriff," versicherte Gerhard: "denn ich setze mit Sporn und Gebiss über den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der tür, durch welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat,