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aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verratner! Sie hintergeht Euch, den Königsecker, und ihren fürstlichen Buhler. Ihr Leben war nur e i n e Lüge. Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefühl gekannt; nie noch Liebe empfunden. Bloss das Feuer wilder Lust, oder des Hasses Glut entzündet ihr Herz. Die Bande des Blutes, wie der Neigung tritt sie zu Boden, und nimmer noch verzieh sie dem, der nur mit einem Blicke sie geschmäht. Glaubt mir, getäuschter Montfort; ich kenne die in böser leidenschaft Unersättliche. Verlasst sie, folgt nicht ihrer Spur. Lächelnd mordet sie Euch, und spottet Eurer im arme eines Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen gräbt."

Bilger schwieg erschöpft mit bebender und bleicher Lippe, und seine heftige Rede hatte ihre wirkung auf Montfort's Gemüt nicht verfehlt. Der Graf stierte den Sprecher atemlos an, und trat scheu von Wallraden zurück. – "Welch ein Scheusal malt Ihr mir!" sprach er endlich mit halb unterdrückter stimme: "Diese gleisende Hülle wäre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine Ahnung, meine innerste Seele hätten mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr von der Rhön! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die Todtenfarbe, die ihr Antlitz überzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hülflosigkeit der Sünde erregt nicht mein Mitgefühl; sie reizt mich nur auf zur Tat, und ich will untersuchen, ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist!" –

Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster, da der blindwütende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustürzte. Bebend wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehassten Rudolph, der sich mit aller Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte, und mit übermenschlichem Ringen den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe musste der schwächere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen, und ergab sich zähnknirschend in den Willen des Überwinders, der seine Pflicht, Wallraden nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete, und den Bezwungnen ermahnte, augenblicklich das Schloss zu verlassen, und des Königs Frieden nicht länger zu stören, wolle er nicht Hand und Haupt verwürken. "Wohl!" keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine wundersame Mischung von Frechheit, Wut, Furcht und drohender Schadenfreude in ihren Zügen trug: "Der Bann des Königs ist mir heilig; des Königs Metze nicht. Zittre Weib, mir jemals wieder zu begegnen! Zittre vor meiner Vergeltung. Montfort kennt nur e i n e Liebe, aber auch nur e i n e n e w i g e n Hass!" Mit furchtbaren Geberden ging er davon, schwang sich auf das Ross, das sein Leibknecht im hof hielt, und sprengte wie ein Rasender über die Schlossbrücke. Bilger hatte nach ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen; das fräulein hielt ihn jedoch mit Riesenkraft zurück, obgleich ihre Pulse flogen, die Lippe zitterte, und der Busen sich so ungestüm hob, dass jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem mund entfliehen konnte. "Einen Augenblick noch;" stammelte sie, während die Hölle in ihrem Auge aufflackerte: "hört mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat über mich den Sieg davon getragen. Der Himmel mag Euch vergeben, von mir erwartet nun keine Schonung. Ich überantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und ihre Brut." – "Weib!" donnerte der Wildmeister rollenden Auges: "Verhänge über mich, was Du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie, oder ich würge Dich hier zu tod!" – Schreckhaft fuhr Wallrade zurück, und erwiderte wie oben: "Um Euch ein neu Verbrechen zu ersparen, wohlan! so wählt eine härtre Strafe freiwillig, härter als der Tod. Flieht hinweg von Euerm Herd .... lasst Alles dahinten, was Ihr mit sündiger Liebe umfasst; ... lasst Euern Namen vergehen und Euer Gedächtniss, wie das eines Gestorbnen, und ich will schweigen, will genug haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen Trauer der verlassenen Waisen! Aber fort müsst Ihr sein, ehe noch das Abendrot niedergeht; fort ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort zurück. Wählt! Werdet flüchtig wie Kain und lebet, oder bleibt und sterbt mit den Euern!" – Die Drohende liess des vernichteten Mannes Hand los, und er enteilte wie wahnsinnig dem Aufentalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme seiner Gefühle hatte er nicht die Hornklänge vernommen, die einen neuen Besuch angekündigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder; zu seiner Rechten die schüchterne und ängstliche Hausfrau des Wildmeisters, die ihrem verstörten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgniss zuwarf. Denn Sigmund war nicht der leutselige herablassende Fürst, wie er noch gestern sich gezeigt; heute glühte die Röte des Zorns auf seiner Stirne, und von beleidigtem Stolze, vielleicht auch von Eifersucht glänzten die Augen. Kaum eines Blicks würdigte er den Wildmeister. "Ihr kommt sehr spät, um meinen Willkomm zu empfangen!" herrschte er dem Bestürzten zu: "Auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu begrüssen habe: als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Früchte naschen möchte, die ihm nicht bestimmt; oder als einen