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Töchterlein, halb auf dem Schoosse der Mutter gelehnt, stellte sich eben so aufmerksam, und selbst der Bärenfänger Haltan schien, vor dem Tische aufrecht sitzend, und das Gesicht in die Sammetfalten des beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergnügen seiAufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehörten Bericht nicht so sehr in Anspruch genommen, dass er das Geräusch überhört hätte, das sich in dem hof vernehmen liess; den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der Reiter, und die langgehaltnen Hornstösse des Wächters. Er eilte, an das Fenster zu kommen, und erblickte, da er die gemalten Flügel aufschlug, mehrere in des Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, teils zu Gaule sitzend, teils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug alsobald den vornehmen Reiter verriet. Der Pförtner machte aus seinem Hüttchen die Geberden der grössten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herüber, und das Rätsel löste sich diesem bald, denn die tür sprang auf, und der Kaiser selbst trat im einfachen Reitkleide herein, ... den Vogt verabschiedend, der ihn bis hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da der Fürst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle Bewillkommnung von der Hand wies, Reverenz und Gewandkuss untersagte, und so vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sei dieses seine ihm zustehende Stelle. "Keine Zierereien!" sprach Sigmund, während er durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirtin in die kaum verlassnen Lehnstühle wies, und das lächelnde Kind auf den Schooss zog, in den warmen Marderpelz: "Wenn man gute Freunde heimsucht, tut man sich weder Zwang an, noch duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden." "Bei den treusten Dienern Ew. römischen Majestät;" versicherte der Wildmeister. – "Ich wollte mich von Euerm Wohlsein überzeugen," fuhr der Kaiser fort: "und sehen, wie das holde Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt."

Die Wildmeisterin errötete verschämt; Bilger aber erwiderte: "Mit drei Worten, gnädigster Herr, kann ich Euch hierüber berichten: ich bin glücklich. Meine Katarine ist das Gestirn, das mildiglich meinen Lebensweg, überstrahlt, und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat." – "Wie bin ich froh, solch zeugnis aus Eurem mund zu vernehmen, Herr von der Rhön," versetzte der Kaiser: "so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem ihr so lange widerstrebtet, gute Früchte getragen. So stösst man oft die Perle lange zurück, die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand aufgetan. Wohl Euch!"

Mit verdüstertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem weib die Hand. Sigmund fuhr indessen fort: "Ihr Leute wisst gar nicht, wie glücklich ihr seid. Ihr freut euch des Daseins in eurem eignen haus, während Meinesgleichen in weitläufigen Burgen und Städten mit dem Missmut Hand in Hand gehen. Es ist ein schwer Ding um das Regiment über Land und Leute. Wie gerne vertauschte ich den Fürstenpelz mit Euerm Rocke, und würde ein Wildmeister, wie Ihr. Aber so ist es mein Beruf, der ganzen Welt Händel zu schlichten, wie es eben geht. Hier soll ich begnadigen, dort mit dem Schwerte drein schlagen; an allen Orten soll ich zugleich sein. Bald machen mich die Städte unwirsch, bald hab' ich's mit der Herrenbank verdorben; die Fürsten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer predigen alles Unheil. Gegenwärtig hab ich's mit der Geistlichkeit zu tun, und der liebe Gott helfe mir gnädig über diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch mit Angst und Not dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen, – flugs reiben sich gewöhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Bürgerleben. Hat sich nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdriesslichen Handel ein Dummbart unterstanden, sich, für meine person auszugeben, und mich dadurch vor aller Welt in einen ärgerlichen Verdacht gezogen? Doch übergenug. So wie des römischen Reichs erwählter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind seine Sorgen auch die grössten, und darum bitte ich geziemend das liebliche Weiblein um einen Becher Wein, damit ich auf ihre Gesundheit trinkend, Grab und böse Erinnerung vom Herzen schwemmen möge."

Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlüsseln am Schenktisch, und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten Labetrunk so frisch als möglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen Knieen entschlummerte Mägdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, in's Ruhebettlein, und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren musste. – "Bilger," sprach Sigismund leiser: "Ich muss Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, dass ich mich hieher begeben, obschon mir angenehm ist, wenn die Leute glauben, dass es auf einem unbestimmten Lustritte, oder Euch zu Liebe allein geschehen sei. eigentlich jedoch bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den Regalien gehört; das Marschalkenamt nämlich. – Eine edle Frau, an deren Schicksal ich viel teil nehme, wünscht einige Tage in strenger Abgeschlossenheit in diesem haus zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie befürchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schützen ist jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also, der