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zurück. – "Wenn Ihr doch schwarz würdet, lüderliches Volk!" brummte er: "bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren, und wer weiss, was indessen daheim vorgefallen ist." – "heraus Bruder! ich hab' ihn!" schrie ein vor dem haus als Wache zurückgebliebener Knecht, der einen, harmlos vorüberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet, aufgegriffen hatte. "Die ganze Rotte stürmte auch hinaus, versammelte sich um den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah, als hätte er irgend etwas Übles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, teils in der Meinung, sie hätten den Rechten erwischt, teils aber auch, um nur nicht ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren."

Von Ungeduld und Erschöpfung gepeinigt, lag, das Ende des Vorgangs abzuwarten, Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor ihn trat, und ihm anzeigte, dass die Gefahr vorüber sei. Als der Verfolgte aus seinem Schlupfwinkel kroch, und die Larve vom gesicht nahm, erstaunte er nicht wenig in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingeführt hatte. – "Dienst gegen Dienst!" sagte Ben David zu dem jungen mann, dessen Gesicht, obgleich verstört aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war: "Ihr scheint grosse Angst ausgestanden zu haben." Verfolger und Verräter sind ferne. Geniesst ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Eckel macht, von einem Juden die Erquikkung anzunehmen. Ester! aus der geschliffenen Flasche dort in der Ecke! – Dieser Name schlug betäubend an des Jünglings Ohr, der sich willenlos in die grössre stube ziehen liess. Sein Schreck, wenn gleich ein freudiger, war noch betäubender, da Ester selbst in der Blüte ihrer Schönheit vor ihn trat, den Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller. Die Bewegung Dagobert's war nur mit der des Mädchens selbst zu vergleichen, da es unmittelbar nachher den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten ihrer bebenden Hand zu entschlüpfen. Ben David nahm der Jungfrau die Last ab. "Es ist Schade," sprach er, "dass Dein von dem vorigen Auftritte herrührender Schrecken Dich unfähig macht, dem edlen Herrn die Labung zu reichen. Von der Hand der Jugend hätte er sie um so lieber genommen. Empfangt sie indessen von mir, und glaubt, sie ist Euch geboten von einer treuen Hand." – Starr auf die Tochter blickend, nahm Dagobert das Glas, und trank, ohne mit dem blick von ihr zu weichen, gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein kostete. Die Röte der verlegnen Scham färbte Ester's Wangen, doch ihre Lippen waren eben so stumm, als ihr Herz, fast hörbar pochend, eine laute Sprache führte. – "Geh zu Bette, mein Kind;" redete ihr der Vater zu: "Der heilige Gott segne Deinen Schlaf, wie den der frommen Rebbecka, und Lilis bleibe fern von Dir." – Ester, schmerzlich bewegt, so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu müssen, und dennoch halbfroh, aus seiner ihr beiderseitiges geheimnis bedrohenden Nähe zu kommen, neigte sich verschämt vor Dagobert, der den Gruss wortlos erwiderte, und verschwand in die kammer. – "Ruht jetzt aus, werter Herr!" sagte Ben David, und lud den Jüngling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen: "Der Zufall hat mir gedient, da er mich liess in etwas vergelten, was Ihr an mir getan. Besonders ist mein Herz freudig, da Ihr gewiss Nichts getan, das wirklich gescholten werden könnte, böse. Ihr seid ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedürft Ihr das Geringste, so wendet Euch an mich. Was ein armer Jude tun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen." – Dagobert wich allen fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines volkes ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das letztere Anerbieten wies er jedoch nicht förmlich von sich, um sich die Möglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte eine geringe Weile mit Ester's Vater, und verliess ihn endlich mit dem Versprechen, ihn wieder zu sehen. "Du wirst doch nicht?" flüsterte sein Verstand. – "Ach! ich fürchte, Du wirst!" entgegnete sein Herz, und zerrissen von Überraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.

Dreizehntes Kapitel.

Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne,

Ewig dienst Du ihr dann als fröhnender Knecht.

Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte, musste an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhön treten. Mässig war er besetzt von Gästen und speisen, allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten, wie des zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit, welche die magern Fastengerichte in einen königsüppigen Pfingstschmauss verkehrte. Die Sonne eines heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute behaglich durch die weiten Fenster des Mörsburger Schlosses auf den kleinen Haushalt des Wildmeisters, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzählte, welche sie schon öfters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger der Geschwätzigen zu; das