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nach den untern Gewölben des Hauses führte, aber des Todes war er fast vor Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufstürzten, ihn sammt der Lampe, die er in Händen trug, – der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte, die Ampel ausgenommen, welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hingzu Boden warfen, und mit Riesensprüngen und Faustschlägen nach allen in den Weg Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelhäring, der den Vorläufer machte, und dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, riss, mit der Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf, und tobte durch die aufklaffende tür in's Freie. Seine Begleiter säumten nicht dem Beispiele zu folgen. "Aufhalten!" donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem Gässlein fortgesetzt hatte, und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter konnte nicht verhindern, dass einige Klosterknechte dem Flüchtigen nacheilten, dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb, als die dunkeln Gewänder der beiden andern, die nach verschiednen Seiten sich verloren. Unter dem übrigen aus dem Gebäude strömenden Gewühl von Mönchen und Laien wütete Gerhard's flache Klinge mit übermenschlicher Kraft. "Bleibt zurück, ihr Schöpse!" rief er den Bestürzten entgegen: "Bleibt zurück, oder Ihr seid des Todes." – "Greift an!" hetzten die beiden, seiner Wut entkommenen Klosterherren: "Er hat das Schwert gezogen, und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann!" – Der ganze Schwarm wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. "Zurück!" schrie dieser noch lauter, denn zuvor: "Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, ihr Lottergesindel, und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, dass ihr an mich denken sollt!" –

Diese Aufschneiderei, zu welcher den Edelknecht, dessen Arm schon ermüdete, der Gedanke bewog, dass man ihn bereits heute für den Kaiser angesehen, verfehlte ihre wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurück; der Mund der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem Kaiser, bald nach dem Pförtner richteten, der unbefangen, als ob er kein wasser getrübt und staunend, unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem volk, das sich um das Getümmel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so ehrenvoller Rückzug vorbehalten. Von den rüstigsten Knechten des Convents verfolgt, sprang er links und rechts, geschmeidig wie ein Aal durch die Strassen und die gaffenden Pöbelhaufen, die sich noch in so später Nacht im Freien befanden. Gern hätte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allentalben waren die Türen verschlossen. Endlich gewahrte er an einem haus hinlaufend, in dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke stürzend, einen zu der tür heraustretenden Menschen, welcher bedächtig hinter sich zuschliessen wollte, beim Kragen, und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in die arme. – Während nun diese letzteren den ihnen in die hände Laufenden aufhielten, befragten, und dieser ihnen nichts zu erzählen wusste, da er den, der ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein Frauenbild, fand. "Helft!" rief er ängstlich dem mann zu: "ich bin des Teufels, wenn sie mich erwischen!" – und ohne eine Antwort abzuwarten, schlupfte er in die offenstehende kammer, und kauerte sich unter das darin stehende Bette, dessen lange Vorhänge jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des Vermummten hatte die Bewohner der stube in keine geringe Bestürzung versetzt; doch war stillschweigend ihr Entschluss gefasst, ehe noch die Verfolger in die stube drangen. – "Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen!" seufzte der Mann, den die Knechte beim Fittig hereinzogen: "liebwertester Gastfreund! wollt Ihr mir nicht bezeugen, dass ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht redlich mein Brod durch Handel und Wandel, und weiss ich etwas von dem schlechten Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Füssen, ohne dass ich weiss, wo er ist hingekommen?" – "Halt das Maul!" fuhr ihn einer von den Klosterknechten an: "Dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von Dir" zu dem Andern gewendet "von Dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann versteckt hat?" – "Gesteht es, Ben David!" klagte Elieser: "bringt nicht Euch in's Unglück, und nicht mich." – "Ich will sterben, wenn ich weiss, was ihr wollt;" erwiderte Ben David kalt: "Ich habe wohl gehört, wie ein Mensch rannte hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Ester?" – "Wahrlich, wahrlich, Vater;" bekräftigte Ester ganz unbefangen. – "Lasst sehen!" erwiderte der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend: "Euch verdammten Juden ist nie zu glauben. Hier ist er nicht, doch in der kammer sitzt er ganz sicherlich." – Er leuchtete in die kammer hinein; kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand, und auch kein Geräusch hörte, unzufrieden