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Ich würde zum Lügner an meiner Lehre, wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig, und muss den Sieg erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel in dieser dunkeln Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben, und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefäss, das er sich auserlesen. Geht meine Freunde; meinen Dank für Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen willige ich nicht darein." – "Grausamer!" seufzte der Graf: "Du rennst in Dein Verderben! Unwiderbringlich verloren bist Du. An Wenzel's Trone bist Du sicher; in Sigismund's Gewalt des Todes." – "Unnütze Furcht!" lächelte Huss wie ein Verklärter: "Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem haupt werden sie sich nicht vergreifen, und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich der Höchste befreien, wann das Werk vollendet ist." – Ungeduldig ob solchem Starrsinn stampfte Dagobert mit dem fuss, und die Böhmen umschlangen mit liebevollem Ungestüm die Kniee des Versagenden, mit Worten und Tränen ihn bekämpfend. Sein Entschluss, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine abweisende Strenge wich dem vereinten Bemühen der Freunde, – schon gab er nach; schon ward die Möglichkeit einer nahen Freiheit reizend für seine in Kerkernacht erstorbnen Sinne, ... schon griff seine Hand zögernd nach dem Rettungsgewande, ... als es mit einemmale über den Häuptern der Befreier lebendig wurde. Von Ferne, die Treppe herab tönte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getöse von Stimmen, zugeschlagnen Türen, entferntem Waffenklang. "Wir sind verloren!" flüsterte Lanzenbrock erschrocken, und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. "Die Zeit ist versäumt!" rief er: "Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann. Wenig würde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen Tat willen zu grund. Wer Mut hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald eine andre gelegenheit zur Rettung!" – Diese Aufforderung, verbunden mit dem so natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine Freunde. Der Erstere beschwor die Überraschten, sich dem Unheil zu entziehen, ihn ruhig seinem Schicksale zu überlassen; die letzteren stürzten, da das Getümmel lauter wurde, mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewölbe, die Treppe hinan. Dagobert voran stürmend wie eine Windsbraut. Den fest entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst, und ermahnte den Taumelnden, doch die tür zu verschliessen, damit ihm nicht die Lust anwandeln möchte, seine Haft zu verlassen. Kopfschüttelnd über diese seltne Bitte, gewährte sie der trunkne Dominikus, und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war oben alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen Störung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrütende Gerhard gegeben, da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren Zellen zurückzuwälzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, niemand hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu tun, wenn er auch diese Klosterbewohner von ihrer Klause zurückhielt. – "Hier geht niemand durch!" murrte er daher barsch den Arglosen entgegen, und stellte sich ihnen, breit und stämmig, wie er war, in den Weg. Die Mönche, obgleich verdutzt im Augenblicke, sahen doch gar bald, dass sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunknen mann zu tun hatten, und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Weglagerer liess dasselbe jedoch nicht gelten, und verbot fortwährend den Zutritt zur Pforte. Dringendes Ansuchen von der einen, mürrische Abweisung von der andern Seite. Der Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an. Die Klosterleute, wenig gewohnt sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu lassen, wurden böse und giftig; der Kämpfer dagegen rauh und grob. Von den Worten kam's zu Tätlichkeiten. Die Geistlichen wollten mit Gewalt den Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhard's kräftige Faust stiess jedoch beide zurück. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlasste einen neuen gewaltigern Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu machen, zog Gerhard den Stossdegen aus der Scheide. Während nun einer von den Mönchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurückwich, schob sich der andre hinter Gerhard's rücken vorüber nach der Pfortenglocke, und hatte schon beträchtlich Sturm geläutet, so wie mit Händen und Füssen an die tür gedonnert, ehe der Hülshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getöse, das der andre Pater erneuerte, sobald Gerhard, den ersten verfolgend, den rücken gedreht hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, so wie die Knechte, die im Seitengebäude bei den Würfeln sassen, aufmerksam Die Erstern schrien um hülfe, die letzteren liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich schleifend. Keiner von den Männern allen jedoch hatte den Mut, die verriegelte Pforte zu öffnen, und den von dem unbekannten Teufelsbraten misshandelten und zerbläuten Herren zu hülfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem Pförtner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurück, der Zweite nirgends zu finden. Der Kellermeister fasste den Verdacht, der Frater möchte wohl im Keller stekken, und ein verbotnes Fass verkosten, und eilte, so schnell es seine Uebehülflichkeit, und das Gedränge der Übrigen erlaubte, der Treppe zu, die