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wieder zu erstatten; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg, wie Du den Knaben versorgt."

"Das könnt Ihr," antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit: "Ich schenke dem Knaben eine wackere Mutter. Komm, Bübchen!"

Der Kleine weigerte sich anfänglich. "Der Mann bringt Dich zur Mutter!" redete ihm Gerhard zu. – "Ich will, lieber bei Dir bleiben;" meinte das Kind. – "Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hänschen!" setzte Gerhard bei. Der Jude nickte freundlich grinsend zu dieser Zusage, und der Knabe war schnell für den neuen Führer gewonnen. Fröhlich hieng er sich an seine Hand, und eilte, ohne viel Abschied zu nehmen, mit ihm von dannen. So springt das unschuldige Lamm neben seinem Herrn dahin, in harmloser Fröhlichkeit, .. nicht wissend, wird es zur lustigen Weide, wird es zur Schlachbank gebracht.

Zweites Kapitel.

Ein schlicht Gewand

Deckt in der Welt

Gar oft den Mann

Der in der Hand

Den Zepter hält

Wie's ihm gefällt:

Wer sieht's ihm an?

Ballade.

"Schon gesattelt und aufgezäumt?" fragte ein junger lebhafter Mann von ausnehmend schöner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von Hülshofen, der den erlösten Gaul mit der Reisedecke schmückte. – "Dachte nicht, dass es schon so weit sein würde, nachdem was ich gehört!" – Sprachs, und stand mit wenig Sprüngen in der Maienstube vor dem Edelknecht. Dieser sass bei einem Passglase Malvasier, und kanzelte den demütigen Wirt zum Rebstock auf gut deutsch ab, wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde, schickte er kurz abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel, und wendete sich in der fröhlichsten Laune zu dem Jüngling. "Sieh da!" sprach er: "Edles Herrlein, seid willkommen. Habt doch Wort gehalten, ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt. Ihr verschmäht es nicht, in der Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an Eure Stadt verkaufen musste, um schnöden Sold."

"Ei warum denn, possierlicher Mensch?" fragte der Jüngling. "Wer mir auf der Lebensbahn aufstösst, lustig, wohlgemut wie ich, ist vor Allen mein lieber Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder einem Gugelhute hervor. – Alter Degenknopf; ich habe von Deinem gebrannten Herzeleid gehört, und bin gekommen, Dich zu befreien aus den Schlingen der Edomiter, die gar zu gern einhergefahren wären auf Deinem Turniergaule!" – Hier klimperte er dem Gerhard gar anmutig mit einem gefüllten Beutel vor den Ohren. – "Ich komme jedoch zu spät, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es Dir möglich geworden, Du durchlöchertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu machen?"

Gerhard erzählte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Jünglings Gesicht verfinsterte sich jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem fuss, da Hülshofen geendet. – "Pfui! pfui! und abermals pfui!" rief er: "Zerbrich Dein Wappen und Dein Schwert, Du geldsüchtiger alter Mensch! Bist Du nicht schlechter als der Jude, der doch nur eine Christenseele kaufte, die Du verschleudert hast? Gerhard! ist das eines Edelmanns würdig? Wärst Du bei Deinem Steigbügel zu gast gegangen, wie die lockern Gesellen, die gestern im Rosengarten mit Dir zechten, hättest Du die Marktschiffe geschunden, wie der grausame Hans von Rudenkheim, dessen Rückinger Schloss mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half, – hättest Du mit Scharlach gehandelt auf offner Landstrasse, ich würde um Alles diess Dich weniger gescholten haben, als um eines Menschenverkaufs willen; denn der ist vor allen unritterlichen Streichen der unritterlichste."

"Not kennt kein Gebot;" meinte Gerhard. "Hättet Ihr gesehen, wie mich der Wirt beschimpfte, hättet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen liessen, – hättet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen war; Ihr würdet glimpflicher mit mir verfahren."

"Einem Juden?" fuhr der junge Mann fort: "Der arme Junge! Ich war ja dabei, als Du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn Dir noch auf das Beste, da ich Dich trunknen Mann an der Haustüre Deinem Knechte überliess; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder Ismaels! Nun, wart, wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird Dir's gedenken, wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fährt."

"Ei nun;" erwiderte Gerhard: "so überlasst es auch dem heil. Martin und brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Lasst uns den Span in Minne beilegen, und zu Gaule steigen. Geld klingt in der tasche, und überall stehen die Fässer uns offen. Seid Ihr schon reisefertig?"

"Mein Pferd steht vor meiner Herberge;" antwortete noch etwas finster der junge Mann; "lasst uns dort den Valettrunk halten, denn von Deinem mit Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an."

Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausführbar befunden, und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum Fussmarsch verdammt, machte sich eilends zum Tore hinaus, während die Herren noch lustig