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und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt durchstreiften, mit den Laien in Torheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie in Tun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren Stand selbst unter der verhüllendsten Maske, ganz zu verbergen. Der Kuttenschritt verriet die Männer, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in ansehnlichen Banden den weiblichen Convent; und dieser Umstand setzte die Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pikkelhäringe nähten eine ganze Nonnengemeinde zusammen, und trieben sie mit Peitschhieben und tausendfältigem: Hoho! und Hallah! vor sich her. Das grobe Schiffervolk riss den als Mönche Beargwohnten die Kopfbedeckung vom haupt, und stellten ihre Tonsur zur Schau, und dennoch, kaum entschlüpft den Händen der ungeschlachten Gesellen, setzten die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Torheiten fort, auf Strassen, Plätzen, Tanzhäusern und Trinkstuben bis der Morgen herandämmerte und sie gebieterisch in das Kloster zurückwies, diejenigen ausgenommen, die vom Weine übermannt, den Taumel erst ausschlafen mussten. Bei einem solchen Auflauf, in welchem ein Paar schüchterne Cönobiten gequält und gehänselt wurden, stiess der von seines Ohms haus kommende Dagobert plötzlich wieder auf den verloren gegangnen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel, Hut und Visier, und die Behaglichkeit, mit welcher der grobhäutige Fechtbruder dem gemeinen Possenspiel zusah, liess dem jungen mann keinen Zweifel übrig. "Gut, dass ich Dich finde;" sprach dieser zu dem Ungetreuen: "Bist Du's, oder bist Du's nicht, Gerhard?" – "Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders sein?" brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend, und den von Wein unsicher gewordnen Körper auf dessen Schulter neigend: "Das ist Fröschlein," fuhr er fort, – "Fröschlein oder mich soll der Schwarze holen mit Pferdefuss und höllischem Gestank!" – "Ei Du Trunkenbold!" zürnte ihm Dagobert entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewühle: "Nimm die Trommel, und rufe mich aus nach allen vier Winden, Du Schlemmer! Wo kommst Du her, Du trunknes Ungeheuer?" – "Aus dem Paradies," versetzte Gerhard lustig: "aus dem Paradies;" setzte er bäurisch grob hinzu, da Dagobert nichts entgegnete: "Ihr könnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Töchtern, und ihrem köstlichen Firnewein!" –

Es ergab sich aus den Reden des Edelknechts, dass er in eine nichts weniger als ehrenvolle Gesellschaft geraten war, nämlich in die von fahrenden Töchtern und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstädten, namentlich aber zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nächsten Umgegend der Stadt, öfters auch nur, nach Massgabe ihrer Ansprüche, in elenden Hütten und Zelten sich aufhielten. Diese Bande, eine der ansehnlichsten, hatte es am heutigen Tage auf Niemand Geringern, als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem ein dunkles Gerücht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht, des wilden Jägers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den höchsten, wie in den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern Töchter so kühn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen, und so zierlich zu bewirten, als es angehen würde. Gerhard's Larve täuschte sie, wie früher schon das lügenhafte Gerücht; erst in dem saal des Gastauses, in welchem für die lebenslustige Schar und ihren seltnen Gast ein Vespertrunk bereit stand, entüllte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus, log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gütern ein Langes und Breites vor, liess sich ihren Wein schmecken, seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit leerer tasche und ziemlich vollem kopf den Lockungen des losen Gesindels. – "Sagt nun einmal zur Güte," schloss er seinen Bericht; "ob ich nicht Wort gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite. Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust hätte, mit mir anzubinden."

"Das glaube' ich Dir von Herzen gern;" erwiderte Dagobert: "denn Dir sitzt ein Dutzend von Teufeln jetzt im leib. Da ich indessen heute eines Menschen bedarf, der nicht grübelt, da der Weindunst Dir das Grübeln verbietet, und Deiner Bärenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt; so sollst Du der Wächter einer Tat sein, die Dir später Segen bringen wird, erfährst Du auch kein Wort von ihr." – "Ihr sprecht ein Deutsch, das klingt wie Latein;" meinte Gerhard: "ich will bucklich werden, wie der Montfort, wenn ich ein Wort davon verstehe. Tut indessen nichts. Sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich halte fest." – "Für's Erste," sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster Gässlein zog: "für's Erste nimm Dein Jagdmesser zur Hand." – "Was?" fragte Gerhard, den Jüngling anglotzend, so gut es die Dunkelheit erlaubte: "Ich werde E u c h doch nicht die Gurgel abschneiden sollen?" – "Schweig!" raunte ihm Dagobert zu: "