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Ach, schweigt mir von der Faste;" entgegnete Gerhard grämlich: "Ich möchte mich ja gerne von allen Fastnachtruten zerprügeln lassen, die heute von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden, dürfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen, und flugs auf dem Faschingdienstag den Ostersonntag kommen lassen." "Alle Teufel!" unterbrach er sich hier plötzlich, so dass Dagobert es der Mühe wert fand, ihn um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen: "Habt Ihr das hässliche Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschosse jenes Hauses blickte?" fragte Gerhard entgegen. Dagobert verneinte. "Und auch das Engelantlitz ihm zur Seite nicht?" fuhr Gerhard fort. "Eben so wenig;" versicherte Dagobert. – "Na, so wünscht Euch zu dem ersten Glück, und reisst Euch die Haare aus dem kopf wegen des Zweiten;" flüsterte Gerhard. "Ein Engel," sage ich Euch, "ein Engel neben einem garstigen Satan, der an seinem gesicht Larve genug hat, um heute keines Mummenschanzes weiter zu bedürfen." – "Du schwatzest wie ein Verrückter;" entgegnete Dagobert. – "Den Teufel auch," murrte Gerhard vor sich hin: "Der Ausbund von Hässlichkeit sah mir nur zu vornehm aus, sonst glaubte ich steif und fest, es sei der Bursche der zu Worms ....."

"Willkommen, wilder Jägersmann!" schrie eine Schar von Larven, die sich um den verdutzten Gerhard versammelte: "Du liessest lange auf dich warten!" – Der erste blick belehrte die beiden Gesellen, dass eitel Weiber sie umringten, in grüne, lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannensträussern auf den Hüten, Bogen, Pfeile und Jagdlanzen in den Händen; schön verzierte Hiftörnlein an der Seite. – "Wie konntest Du Waldinen harren lassen, viel zu lange für ihre sehnsucht?" rief die Anführerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug, und von deren Sammtütlein ein Strauss von grünen Federn nickte: "Komm mit uns! – Komm mit Frau Holda Waldinen!" jauchzte die ausgelassene Bande: "Hussa! wackrer Waidmann! ho! ho! mit uns!"

Der verlegene Gerhard, der kein Wort zu erwiedern vermochte, fühlte sich, alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagoberts Seite gerissen, von der Schar der Jägerinnen im Triumph davon geführt, und ein grosser Larvenzug, der die Strasse heraufkam, trennte unaufhaltsam die gefährten. – "Ihn reisst sein Schicksal dahin!" dachte Dagobert lächelnd für sich: "und mich beraubt es vielleicht dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, muss geschehen, selbst wenn mir der willkommne Wächter entginge. Frisch hindurch und mitten unter das Gewühl, damit es für jetzt mein Herz ergötze!" – Er warf sich Kopfüber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den vornehmern Leuten angehörend. Von unzählichen Narren umschwärmt, die wie Besessene durch das Zuschauergedränge tobten, mit Ruten und Peitschen die hände der Gaffenden kitzelten, an Türen und Laden klopften, in die Häuser drangen unter dem Vortritt eines Herolds possenhafter natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele aufzuführen, deren Witz oft nicht der züchtigste war, – bewegte sich die Larvenschar langsam vorwärts, und bot dem volk ein glänzendes Schauspiel. Ein Pickelhäring mit der Narrenfahne in der Faust eröffnete es, auf einem Esel reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgteihre Musikam in den wunderlichsten Tönen aufführende. Der ewige Jude und der lange Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbäumen in den Hängen. Der wohlgemästete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Würsten und Kürbisflaschen umkränzt, wurde einhergeführt von dem drollig geputzten Sonntag, Montag und Dienstagden Grossen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von nähenden Schneidern auf Geisböcken, von zähneflätschenden Affen auf Tigerlarven sitzend; der Vortrab der herbeigetragnen Fastnacht, dem weib des Faschings, dessen Tron auf den Schultern von verlarvten Bäckergesellen in zierlichen Leinwandkitteln und blauen Schürzen errichtet war, und von welchen eine reiche Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die lärmende Jugend regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergötzte doppelt die schwere, knarrende und von bebänderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, angefüllt mit den possierlichsten Mummereien, mit langbärtigen Türken, kinnwakkelnden Judenköpfen, verzerrten Mohrengesichtern und klaffenden Bullenbeissern, denen man zerzauste Haarhauben auf die grämlichen Gesichter gestülpt hatte. Ein lustig Gesindel von Torhänsen und Gaukelspringern machte hier, radschlagend, burzelbäumend, schellend, rasselnd und in den höchsten Tönen des Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge, und zugleich den Herold der grössten Pracht des Zuges, des herrlichen Hofs der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage schildert. Der treue Eckart mit dem weissen Stabe ging voraus, warnend und ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's scharfer blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche Schultererhöhung, und wusste alsobald, dass der Graf von Montfort unter der Larve stecke. Sein Ahnungsvermögen, von den Mutmassungen der ihn umsummenden Schaulustigen und in das Larvengeheimniss Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch unter den Nachfolgern des treuen Eckarts Bekannte auf. Ein über ein Stockwerk hoher Wagen mit vielen stufenweise erhöhten Sitzen wurde von acht Schimmeln gezogen, die, mit prächtigen Decken angetan, an jeder Seite von vier jungen Leuten in heidnischer Tracht mit bekränzten Häuptern, geführt wurden. Zwei stattliche wilde Männer lenkten von oben die Zügel, und sassen zu den Füssen liebenswürdiger