nicht gegolten haben. Stellt Euch nicht so befremdet. Oder hättet Ihr in der Tat Eure zeitlichen Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut, der – ich weiss es – um Eurer Schwester Gunst wirbt? Euer oheim hat schon hie und da ein Wörtlein fallen lassen; hat schon dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem im Augenblick überwiegenden Kaiser desto eher den roten Hut zu gewinnen. So redet doch auch Ihr." –
Dagobert stand bekränkt auf, und neigte sich ernst. "Des Vaters Bruder handle wie's ihm recht dünkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gnädigster Herr, und mich erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Misstrauen nicht. Zählt Ihr mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vorteil am schwersten zieht, so muss es Euch befremden, mich an Eurer Seite, und nicht zu Sigmund's Füssen zu sehen."
"Wackrer Junge!" rief Friedrich zufrieden lächelnd, und die Hand nach ihm ausstreckend: "Lasst mich Eure Hand schütteln! Ich habe mich nicht in Euch getäuscht. Ehre und Treue am Guten; das ist Euer Wahlspruch. Wie Ihr, redet nur die Wahrheit, und was wir am meisten an dem mann lieben, den wir uns zum Freund verbinden wollen, ist eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemüht ist, hat, wie es zu gehen pflegt, mancherlei Eindruck gemacht. Die Verdorbenen ihres und unsers Geschlechts beneiden s i e und den Kaiser. Die Sittlichern – die kleinere Zahl – verachtet sie desshalb; diejenigen aber, die sich in ihre Reize vergafften, und durch ihre Lockungen ermutigt worden waren, sind zur Verzweiflung, oder zur Wut gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr von Königseck, ein eitler Lasse, wie nur je deutscher Boden Einen trug. An der Spitze der letzteren befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des weibischen Hageprunks wäre zu belachen; die Wut des kühnen Montfort ist es nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begünstigte sein Werben um Wallraden. Er hat mir beteuert, seine Geduld werde bald erschöpft, seine Eifersucht bald auf's Höchste gestiegen sein. Warnt Eure Schwester. Die Drohungen des Königseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber heimlich und schweigend, wie das Unglück selbst. Wallrade sei auf ihrer Hut."
"Sie masste sich stets an, die Klügere zu sein;" versicherte Dagobert: "ohne meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die Übermütige nicht warnen. Auf meinen Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient."
"Warum müsst Ihr in's Kloster wandern?" fragte der Herzog teilnehmend: "Ihr habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann. Wille und Tat sind bei Euch Eins und Dasselbe. Ich habe heute einen weissen Raben gefunden, einen dankbaren Juden nämlich. Lasst mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden, einen treuen Freund, wie ihn ein Fürst so selten hat, von verschwiegnem Mund, bereitwilligem Arm und redlichem Herzen."
"Mein gnädigster Herr!" rief Dagobert überrascht von so viel Zuneigung, und wollte Friedrichs Hand küssen. Der Herzog zog sie aber zurück. "Keine Umstände!" sprach er ernst: "Wäre ich Euresgleichen, ich nähme Euch in meine arme. Dieses ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Fürsten aus mir gemacht hat, und Schranken müssen einmal sein auf Erden. Aber die hände dürfen sich zwei Biedermänner wohl schütteln, wenn auch der Eine einen Herzogshut, der Andre ein einfach Piret trägt, wenn auch der Eine in des Lebens Herbst, der Andre erst in dessen Frühling tritt." Er stand auf, und schüttelte traulich Dagobert's Hand. "Fürwahr!" fuhr er fort: "diese Hand werde ich früher gebrauchen, als Ihr wohl denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt."
"O sprecht, mein Herzog!" bat Dagobert ungestüm: "Was kann ich tun, um Euer Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sei's vollbracht." – Der Herzog legte den Finger auf den Mund. "Noch ist's nicht an der Zeit!" begann er: "doch die Zeit wird kommen: verlasst Euch darauf. Noch darf ich nicht reden, sondern nur lauernd harren, bis geschehen muss, was noch jetzt ein geheimnis ist. Gelt, ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Fürst wie ein gefährlicher Verbrecher heimlich tun muss, indem das Recht auf leisen Socken schleichen muss; während der Schelm ohne Scheu so viel Lärm macht, als ihm beliebt. Aber das Gute und Rechte tun, wenn es auch verboten ist durch schmähliche Gewalt, ist löblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, sofern sie nicht Sünde sind, dem ehrlichen Zwecke gerecht." "Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntniss?" fragte Dagobert den Herzog rasch und kühn. – "Mein aufrichtigstes;" entgegnete dieser, und fügte abbrechend bei: "des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich Euch."
"Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch