1827_Spindler_093_74.txt

, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der Brust; des Mannes wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart." –

"Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gnädigster Herr;" klagte Dagobert. "Wenn ich Euch so kräftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle Widerwärtigkeit, umgeben von Ehre, Glück und Stärke, da pocht mir das Herz vor Unmut, dass ich in die Kutte kriechen, und kein Ritter werden soll, wie Ihr es seid?" – "Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid;" versetzte der Herzog achselzuckend: "der Mutter Gelübde ist der Planet, dem Ihr gehorchen müsst. Das tröste Euch. Horch!" setzte er bei, zum Fenster eilend: "Warum wird denn da unten auf der Gasse so lärmend gepaukt und schalmeit?" –

In der Tat zog eine Bande von Zinkenbläsern, Stosspfeifern und Paukern vorüber. Eine Menge Fakkelträger folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu fuss, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich dahertanzend unter einem unbändigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und kreischendem Pöbel!

"Jesus Christus!" begann der Herzog, unmutig mit dem fuss stampfend: "Mein alter kahlköpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzählt, der seine Würde so sehr vergessen hat, dass er auf einer Bühne vor allem Volk getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsre kaiserliche Majestät ist das leibhaftige Konterfei des blutgierigen Toren zu Rom. Er schleppt seine Würde im Staube nach sich, wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel. Pfui! dass die Ausländer solche Narreteien sehen müssen!" – "Der Geist des Unmuts kommt über Euch;" erinnerte ihn Dagobert bescheiden: "lasst Euch doch des Kaisers Tun nicht zu Herzen gehen!" – "Seht Ihr, junger Gesell, wie übel es um meinen Seelenpanzer steht?" rief der Herzog: "Der feige Lützelburger trifft mit seiner Pritsche allemal die Blöse. Ich sitze auf des heiligen römischen Reichs Fürstenbank, meine Vorfahren sassen glorreich und würdevoll auf dem deutschen Trone, den Habsburg auch jetzt mit grössrer Ehre füllen würde, als die Luxemburger es im stand sind. Ich darf, ich muss mich ereifern über die sträfliche Unbesonnenheit, die also zur Schau getragen wird. Ist das ein Betragen, eines Kaisers würdig? Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu bessrer Zucht und Ordnung bringen? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn muss der Stattalter Gottes sich in's Joch der Knechtschaft beugen lassen? Nimmermehr! – Doch was rede ich da?" unterbrach er sich: "Guter Dagobert; Ihr müsst mir meine Laune nicht anrechnen, mich nicht für einen Zanksüchtigen halten. Es tut wehe, eine ganze mutige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen. Glaubt mir, der ganze Stamm verdient kein bessres Lob, als ich ihm beilege. Der Vater Karl, in dem nicht Geist, nicht Mut, nicht Adel wohnte, sondern hölzerne Förmlichkeit allein, hat in seinen Söhnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl triftigere Ursache bei der Krönung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes hülfe nüchtern zu sein und zu leben, als Kaiser Wenzel; niemand hat aber je einen Schwur schneller gebrochen als Er, den seine Völlerei und Zuchtlosigkeit um des Reichs Krone brachte. Sigmund ist jedoch um nichts besser: feig, wollüstig, eitel und prunksüchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tücke und unkaiserliche Doppelzüngigkeit. Er hasst mich leidenschaftlich, in höherm Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote einer falschen Katze. Noch diesen Morgen drückte er mich an die Brust, nannte mich seinen liebsten Vetter, und heute Abendich schwör's – nennt er mich im Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der Flaschenträger, und den Erzpaschaler; obgleich ich für meine person das heutige fest, des Conciliums würdiger begehe, als Er."

Der Herzog, der diese lange Erläuterung seiner innersten Gedanken mit steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, schwieg, um Atem zu schöpfen; warf sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Rüden die Ohren, und Dagobert, in geratenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewöhnlich die Beurlaubung, die nach ähnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuten wurde jedoch des Herzogs Stimmung gemässigter, seine finstre Miene freundlicher. Das unmutige. "Hm!" das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlüpft war, verwandelte sich in das Trillern eines Tyroler Verglieds, das der Fürst besonders liebte, und das er oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einemmale schwieg er, heftete den blick auf Dagobert, lächelte, und sprach in bessrer Laune: "Ei, mein werter Jungherr! Ihr steht an der tür, wie einer der in unhochzeitlichem Kleide zum Feste gekommen ist. Gefällt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch einiges Gesprächsel zu beleben, so tretet näher. Setzt Euch zu mir." – Er wies auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. – So freundlich war der Herzog noch nie gewesen. Der erlaubnis, sich zu setzen, durften überhaupt gar Wenige in seinem Gemache sich rühmen, und Dagobert war sie noch nicht zu teil geworden. Geschmeichelt von der Herablassung des Gönners, gehorchte er gerne, und der Letztere hob bald also zu sprechen an: "Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers person beleidigt? Sagt es offen heraus, und Euch soll's