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der Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der Gebote ist er geworden ein Abtrünniger, ein Anhänger derjenigen, die sein Volk unterdrücken!"

"Ich verstehe;" erwiderte Herzog Friedrich: "er ist klüger gewesen als Du, und ist, ein Reuiger, in den Schooss unsrer Kirche eingegangen. Ich muss ihn um dessentwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ sein, als der beste Jude." – "Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's zu;" versetzte Ben David ernst: "der heilige Gott möge ihm verzeihen. So viel ich weiss, lehrt er jetzt die hebräische Sprache zu Heidelberg an der hohen Schule." – "Wohl ihm;" setzte der Herzog hinzu: "was geschah aber mit dem Jüngsten?" – "Auf seinem Gedächtnisse sei der Friede!" murmelte der Vater mit zum Himmel gerichtetem Blicke: "Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze hielten daselbst."

Friedrich war betroffen. "Ein erbärmlich Schicksal!" sprach er, und wandte sich zum Fenster, um den Ausdruck der Rührung auf seinem gesicht zu verbergen. – Ben David trocknete eine Zähre von der vernarbten Wange, und fragte untertänig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermöge. – "Ich werde vielleicht bald fünf- bis sechstausend Mark Silbers benötigt sein;" antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu ändern, denn seine Bewegung war noch nicht vorüber: "ich habe meine Gründe, warum ich dieses Geld nicht von meinen Rechneimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit. Kannst Du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlasst sein könnte?"

"Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit;" versicherte Ben David ohne Bedenken.

"Wie hältst Du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft?" fuhr Friedrich wie oben fort.

"Von Euch nehme ich nicht Zinsen;" entgegnete der Jude ruhig: "Euer Wort ist das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern."

"Was soll das, Jude?" fragte der Herzog heftig sich umdrehend: "Was nimmst Du Dir heraus? Ein Herzog in Österreich wird sich von einem Kammerknechte keinen Zins schenken lassen, und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel auszustellen, gleichsam als wär es eine Gabe. Oder hältst Du mich, den Habsburger, fähig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch ausgeübt, Vorteil zu ziehen?"

"Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gnädigster Herzog, habe beleidigen wollen;" beteuerte der Jude: "nur so viel wollte ich sagen, dass Euer ist meine Habe und mein Leben, dass ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den Segen mit dem mich hat überschüttet der Gott Israel."

"Schweig, Hebräer!" rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend: "Lege ein andermal Deine Worte auf die Wage, und bedenke, dass ich kein Kohljunker bin, dessen Dürftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen muss. Geh heim; es wird schon dunkel, und es ist keine Ehre dabei, mit Deinesgleichen zu solcher Stunde zu verkehren. Mache Deinen Überschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, hörst Du? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mäkelt nicht um einen heller. Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde, wann die Zeit kommt, da ich es gebrauche." – Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand, verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demut und Unterwürfigkeit davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand, dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache bannten. –

"Ich fürchtete schon, Ew. fürstl. Gnaden hätte sich in geheime Kabale und Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen;" sprach der junge Mann lächelnd: "die Unterredung wollte kein Ende nehmen." – "Haltet es dem Zufall zu Gute," versetzte der Herzog herablassend; "wenn heute der neue Bund vor der tür harren musste, während ich dem alten Gehör gab. Man beschäftigt sich ja manchmal mit Pflanzen, die im Schlamme wachsen, und diesewahrlichhat nicht die übelsten Eigenschaften. Dem hässlichen gesicht wäre es beinahe gelungen, mein Herz zu rühren, das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust. Weg damit. Wie kommt's aber, guter Freund, dass ich Euch bei mir sehe, heute am ersten Faschingstage? Rollt das junge Blut wieder langsamer, als es sollte? Wollt Ihr den Graubart spielen, während Alles sich in jugendlicher Lust ergötzt? Wisst Ihr nicht, dass es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? dass der Kaiser selbst sich in die Freude mischen, dass er Ketten, Ringe austeilen wird an die Schönsten, die das fest verherrlichen? Geht dortin. Eurer wartet daselbst mehr Vergnügen, als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen? Fordert." – "Erlaubt, dass ich einige Augenblicke um Euch sein darf;" bat Dagobert mit aufrichtiger anhänglichkeit: "Euer Anschauen wird mich endlich zum mann machen." – "Greift Euern Jahren ja nicht vor;" erwiderte Friedrich: "sie sind die schönsten, die es gibt