1827_Spindler_093_71.txt

Kopf in die Hand, und überlegte, was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete." Sein tiefes Nachsinnen löste sich endlich in ein unzusammenhängendes Selbstgespräch auf. "Wird es gelingen?" fragte er sich leise und scheu, als ob er die zuhorchenden Mauern zu fürchten hätte: "Lieber Gott! wird es denn erfüllt werden, was von drei redlichen Männern beschlossen wurde? .... Wenn es Tugend ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann muss ja auch der Segen von oben uns beschirmen. – Wehe unsrer Zeit, dass wir im Verborgnen schleichen müssen, das Gute zu tun. – Darf ich aber auch ganz ruhig sein? Sündige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwählen muss? Nicht gegen meines fürstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O nein, gewiss nicht! mein Herz ist ruhig, und Friedrich würde an meinem platz dasselbe tun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke, eines Mannes, eines deutschen vor Allen würdig!"

Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getümmel der zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Fürsten so eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet hatte. In Küche, Vorplatz und den untern Gemächern des Hauses lagen und sassen die Zechenden umher, und liessen sich den Seewein munden, der in Strömen aus den aufgepflanzten Fässern floss. Treppen und Vorgemächer des Oberstocks waren leer von Dienern. Dagobert, ein gewöhnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen hier atmenden. Der erste blick auf den Wartenden liess den Juden nicht verkennen, so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und Aufschlag den Reichen ankündigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht, näherte sich demütig dem stutzenden Jüngling. "Guter, junger Herr," sprach er: "seit länger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne Ansage in das Gemach des vornehmen Fürsten von Tyrol. Eurer Huld, edelgesinnter Herr Ritter, empfehle ich mich; man gelangt ja durch Fürsprache in den Himmel, warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Fürsten. Ihr seid einer von dessen Vertrauten; das sagt Euer gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure Gnade zu Eurem Schuldner." –

"Überflüssiges Geschmeichel!" brummte Dagobert: "Du willst, ich soll dem Herzog Deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich Dich?"

"Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts;" antwortete der Jude! "Sagt nur, ich sei der Wechsler, der gestern beschieden wurde."

Dagobert zuckte die Achseln, und ging zum Herzoge hinein. Der Harrende zählte indessen zum zehntenmale die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. "Geh hinein, Jude!" sprach er kurz, und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zögernden in die tür, die er, draussen verbleibend, hinter ihm schloss. – Der Herzog sass am obern Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, schien gerade von einem kleinen Schlummer erwacht zu sein, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die Bücklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten einen missfälligen Eindruck auf den Fürsten. – "Lass die Possen!" sprach er hart: "Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes. So sehr ich Dir Dank weiss, dass Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestört hast, so wenig billige ich solche Kriecherei." – Er winkte ihm näher zu kommen, in einer Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. – "Du nennst Dich Ben David?" begann er nun: "Der geehrte Altbürger zur Hofstatt hat Dich mir sehr empfohlen in dem Schreiben, das Du mir gestern überreichen liessest. Wir wollen sehen, ob Du das Vertrauen verdienst, das ich Dir gerne schenken möchte."

"Es kommt ja nur an auf die probe;" erwiderte Ben David ehrfurchtsvoll: "unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den Erlauchten, Weitgepriesenen."

"Schweig!" herrschte ihm der Fürst zu: "Ich hasse die Speichelleckerei zu der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Gerade und offen in's Gesicht; hinterm rücken kein Haarbreit anders; so sei der Untertan gegen seinen Herrn, der Geringe gegen den Hohen. Ich wette, diese schmutzige Glattzüngigkeit ist Dir nicht einmal Ernst, denn Dein abscheulich Antlitz wird noch hässlicher durch das erheuchelte Grinsen."

Ben David zuckte schweigend die Achseln, und verbeugte sich. Der Herzog blickte ihn scharf an, und schlug alsdann erstaunt die hände zusammen. "Jesus Christus!" rief er: "Wer hat Dich denn also zugerichtet, Jude, dass Dein Gesicht aussieht wie ein zerfetzter und kümmerlich zusammengenähter Turnierhandschuh? Das nenne ich eine Narbe, wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen kann, obschon D u sie da nicht holtest."

"Ach, gnädigster Herr," erwiderte Ben David mit bewegter stimme: "auf dem ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten