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"Seht einmal diesen wilden Mann!" sprach er wohlgefällig lächelnd: "neu, wie er von der Nadel kommt. Schöne gelbe Leinwand, zierliche Schnürlöcher und feine venedische Seidenschnur! Müsste Eurer schönen Gestalt stehen, wie angegossen. Das Visir dazu ist sorgfältig gemacht und aufgeputzt mit den übermässigen Augenbraunen, Bart und Haarhaube von schwarzgefärbten Werg. Der Blätterkranz und Laubgürtel, die Keule und die ungeschlachten GeisschuheAlles liegt dabei, und kann nicht schöner sein. In dieser Mummerei werdet ihr allentalben ein willkommner Faschingsgast sein, und müsst Euch nur von fackeln entfernt halten, denn das am Kleide verschwendete Werg und Harz versteht keinen Scherz, und man hat Beispiele, dass Leute jämmerlich verbrannt sind in solcher grässlich schönen Haut." – Betrachtet ferner diesen Schalksnarren, und sagt mir, ob auch ein schönerer Pickelhäring noch vorgekommen? Blitzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grün, Rot, Gelb und Blau durcheinander, als hätte unser Herrgott seinen Regenbogen Stückweise darauf geklebt? Wie gefällt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmütze? Was sagt Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den zierlichen Glokken, an Ohren, Kamm, Gürtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar an den hochgekrümmten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die dazu gehört, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht, Halskragen, Kolbe, und Rute sind nicht vergessen! – Beide Anzüge jedoch verdunkelt der, der uns noch zu besehen bleibt. Der wilde Jäger, den ich jetzt vor Eure Augen lege, ist das Schönste, das aus Welsner's Werkstatt hervorging; so niedlich und zierlich, als ob es ein Materinger von Nürnberg1 zum Meisterstück bestimmt hätte. Grün, wie der lustige Wald das Gewand; golden wie funkelnder Sonnenschein die Verbrämung, rot wie das Nordlicht der flatternde Mantel. Wie die Mähne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jägers Wachsamkeit bezeichnet. Das Jagdmesser blinkt von hellem Beschläge und Elfenbein, der kurze Spiess scheint seine Schärfe in's Mondlicht getaucht zu haben ......

"Genug, genug, guter Freund," unterbrach ihn, vor lachen beinahe erstickend, Dagobert. "Du bist begeistert von dem Jägerskleide, so dass mir bedünkt, als hättest Du selbst nicht übel Lust, es zum Bestellerlohn für dich zu fordern."

"Wo denkt ihr hin, Junkherr?" fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das Gewand musternd: "Meiner Treu, .... hätte ich auch die Lust, so hätte ich doch nicht die volle tasche, die zu solchem Spass gehört. 'S ist ein erbärmlich Leben hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, ein Ringelrennen, auf dem ich wohl den Preis errang; aberwie bald war die geringe Gabe in den Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Frühling, in dem das lustige Ritterspiel wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin muss ich mich dünken und vergnügt sein mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen."

"Armer Schelm!" versetzte Dagobert: "Solche Entsagung fällt Dir schwer. Eine Fastnacht sollte vorübergehen, ohne dass Du darauf der vornehmste Narr gewesen? Nimmermehr. Es bleibt dabei, Du nimmst den wilden Jäger, den ich bezahle, und dessen Seckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich ... je nun, ich stecke mich in den Pikkelhäring; denn zu dem, was ich vorhabe, brauche ich eine Larve, die nicht die einzige ihres Schlags im Gewühle sei, und einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jäger, unter dessen Mantel wohl neben dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat."

"Hoho! was spracht Ihr da?" rief Gerhard vergnügt, und umarmte in seines Herzens Freude den jungen gönner: "Larvenspuck, Silber in der tasche, Weinlust und zum Beschluss eine Rauferei? Ihr macht überselig!" – "Und verlange nichts dafür, als Verschwiegenheit;" erwiderte Dagobert: "Verschwiegenheit und Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag. Schlendre bis dahin umher, in welcher Maske Dir's gefällt; den Jäger hebe aber auf, sonst erfährt man vor der Zeit aus Deinem sprachseligen mund, dass Du dahinter steckst."

"Ich bin ja kein altes Spittelweib," lachte Gerhard zuversichtlich: "indessen: Euer Wille geschehe. Mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen, und ich will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was ist's aber eigentlich, das ihr vorhabt, liebes Fröschlein?"

"Hätte ich Lust, Dir's mitzuteilen," versetzte Dagobert: "so wüsstest Du's bereits. Verstanden?"

Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem gesicht die Achseln, wollte reden, schlug sich aber auf den Mund, und empfahl sich durch einen stummen Bückling dem jungen mann zu fernerm Wohlwollen. – "Geh hin, altes Sieb," sprach Dagobert, ihm auf die Schultern klopfend: "Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern; keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk und Aberwitz Dein eigen Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im stand wäre."

"Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den grossen Christoph zu verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch, stützte den