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sich eine auffallende Bewegung, die einem bessern Menschenkenner, als es Gerhard war, unmöglich hätte entgehen können. Gleichgültig jedoch, dem äussern Anscheine nach, wiegte er den Kopf und sprach, nachdem Gerhard geendet: "Es ist seltsam, wie das zusamentrifft. Der Knabe hat nicht Vater, nicht Mutter, denn die ihn böslich verlassen hat, ist so gut als tot. Und zufälligerweise kenne ich eine traurende Mutter, die geben würde, was in ihren schwachen Kräften steht, könnte sie einen Sohn dafür erhalten, in dem gleichen Alter dessen, den ihr ein frühzeitiger Tod entriss. Ueberlasst mir und der jammernden Mutter diesen Verstossnen, damit er noch werde die Freude eines Menschen, und einst stehe an seinem eigenen Herde."

"ist es eine Christin doch, der Du das Kind bestimmst?" schon zu der Ansicht des Juden sich neigend.

"Die Rechtgläubigste; die witwe Schechlerin in Friedberg," versetzte Ben David. "Sie besitzt einen kleinen Kram, der gerade hinreicht, sie zu ernähren, und den Knaben."

"Die Waise zwingst Du nicht zum Judentum, und schwörst mir's zu?" fuhr Gerhard fort, der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu beschwichtigen dachte.

"Bei dem haupt meines Vaters schwör ichs Euch!" entgegnete Ben David sehr ernst: "Wie könnte ich wohl einst eingehen in's ewige Jerusalem, hätte ich mit Vorbedacht einen Menschen elend gemacht? Der Elendeste aber auf Erden ist ein Jude."

"Ja wohl, ja wohl!" entgegnete Gerhard, den Sinn von Ben Davids Worten nicht begreifend, mit verächtlichem Blicke: "Damit wir aber schnell in's Reine kommen, ... zahle fünfzig Turnosen, und führe den Knaben hinweg."

"Fünfzig? Du Herr meines Lebens!" rief der Jude, wie im grössten Erstaunen die hände zusammenschlagend: "Wo denkt Ihr hin, lieber Herr? Von zwanzigen war bis jetzt die Rede; wie soll ich zu fünfzigen ..."

"Dort ist die tür!" erwiderte Gerhard trocken, und kehrte ihm den rücken. Ben David ging aber nicht, sondern kam näher: "Als ich gebe dreissig Turnos, gebe ich Alles und Alles, was in meiner Macht steht!"

"Schmutziger Schacherer!" versetzte Gerhard: "einen Menschen verkauft man nicht um solch elendes Geld."

"Ich wette doch," sprach Ben David ironisch: "Ihr verkauft mich um ein Geringeres."

"Um das Vergnügen, Dich zwischen zwei Hunden aufhängen zu sehen;" brummte der Junker: "Du hast recht. Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreissig Silbergroschen."

"Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen, Euern Herrn, den Born alles christentum um gleiches Geld weggegeben?" fragte Ben David.

"Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben!" polterte Gerhard, rot werdend vor Zorn: "und jetzt packe Dich. Ich fürchte ohnehin, dass ich Sünde tue, wenn ich diess junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit überlasse."

Ben David zuckte die Achseln, schlug seufzend die Augen gegen Himmel, stellte sich hierauf zum Tische, langte aus seinem Zwerchsack einen nicht übermässig gefüllten ledernen Beutel hervor, und begann Geld aufzuzählen. Gerherd spielte hiebei den Gleichgültigen, obgleich er im inneren bereits an seinem Siege frohlockend zehrte; der Knabe, der arme Unschuldige, um dessen Haut und Haar der ganze böse Handel ging, ergötzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der Silberstücke, die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten, und sehr langsam und sehr bedächtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur gestellt wurden. Gerhard konnte nur mit Mühe bei dieser geflissentlichen Langsamkeit seine Ungeduld bändigen. Endlich schüttelte der Jude den leeren Beutel, und sprach: "Seht da mein ganzes Vermögen: zweiundvierzig Turnosennicht mehr, und nicht weniger als Alles, was ich habe. Wollt Ihr's, so nehmt. Die fünfzig kann ich nicht voll machen."

"So trolle Dich, und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde, wenn Du zu einem Edelmann gerufen wirst;" antwortete Gerhard kalt, der nun die Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte.

"Ich kann nicht mehr geben;" fuhr der Jude fort: "Ich habe nicht mehr, als das und mein Leben."

"So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort!" versetzte der Junker mit immer grösserer Zuversicht. – "Ich finde einen andern."

"Ihr seid ein böser Kaufmann;" meinte Ben David und stellte sich, als wollte er das Geld zusammenraffen. Da ihn aber Gerhard von diesem Tun nicht abhielt, so liess er es bleiben, und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem Sacke, in welchem sich mehr Geld eingeschnürt befand, als in dem geleerten Beutel gewesen war. – "Seht," fuhr er fort: "wozu mich Eure Hartnäckigkeit verleitet. Das ist anvertrautes Geld, und ich muss davon entwenden acht Turnos, um sie Euch zu geben. Ich möchte mich selber schlagen in's Gesicht, dass ich das tue, aber ich bin zu freundschaftlich für Euch gesinnt, als dass ich Euch nicht helfen sollte aus der Not." –

Die fünfzig Turnosen waren voll, und behaglich lächelnd strich der Junker das Geld ein. – "Für das Geld den Knaben," sprach er: "auf Nimmer