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über die entsetzlichen Bilder, die in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung für die verwichne Nacht. Sein Aberglaube wähnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst seinen Durst nach Rache löschen zu können, und seine Bosheit schritt langsam, aber kühn zur Ausführung.

Eilftes Kapitel.

Die Wohltat ist eine stattliche Pflanze;

ihre seltenste Blüte aber ist: Dankbarkeit.

Pers. Sittenspruch.

Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorsätzlich, sich in Gespenster vermummten, und allen Mutwillen für erlaubt hielten; die Fastnachtzeit nämlichdas dreitägige fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrübniss und des Fastens vorausgeht. Diese fröhliche Zeit, sehnlichst herangewünscht von allen Ständen, setzte in Costnitz alle hände in Tätigkeit, alle Sinne in Arbeit. Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung, deren Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen, und der Kaiser Sigismund, ein gar kurzweiliger, freundlicher Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold, vermehrte die allgemeine Ergötzlichkeit durch den eifrigen Anteil, den er daran nahm. – "Man muss dem volk seine Spiele nicht nehmen;" sprach er zu den strengen Sittenrichtern, die ihn gern vermocht hätten, aus Rücksicht für das Concilium die Fastuns wehren wollen, an unsrer Hofstatt das fest zu begehen; allein wir mögen in solcher Zeit keine Freude geniessen, an der nicht Alles, das uns umgibt, teil nehmen könnte. Die Herren aus Wälschland und Frankreich mögen sehen, dass unsre deutsche Nation ein lustig Volk ist, und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt. Darum wollen wir befehlen, dass man jetzt jubilire, wie sonst, denn des Herzens Fröhlichkeit gefällt dem Herrn im Himmel, und darf demnach sich vor seinen Stattaltern auf Erden nicht scheu verkriechen." – Des Kaisers Wille geschah diessmal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk und lustigen Glanz gehüllt, wie ein Fürst der Freuden. Alle Geschäfte blieben liegen, und nach Aussen in das herrliche Frostwetter drängte sich Alles, was deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug, und nicht bloss aus den Fenstern der geheizten Gemächer die Ergötzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Wälschen taten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank gehängt, das enge Röcklein wieder hervorsucht, und, das Symbolum der Fastnacht, den grünen Tannenzweig auf dem hut, suchte der Neffe den Oheim auf, den er, an Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgenstühle antraf. – "Sieh da!" rief der Prälat mit schlecht verborgnem Verdrusse: "sieh da, wieder ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke lauert, die das Zeichen geben soll, zu dem gräulichen Tollmannswesen! Gleich wie die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also siehet man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit stürzen, um sich auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O du verlorner Sohn Absalom! Deine Mutter hat es noch dereinst am jüngsten Tage zu verantworten, dass sie Dich zur Kirche bestimmt hat." –

"Ihr habt völlig Recht, lieber oheim," versetzte Dagobert: "ich bin selbst dieser Meinung. Lasst uns indessen nicht grollen, nicht hadern an diesen Freudentagen, Fastnacht kommt nur einmal im Jahre .. 's tut mir leid, dass Euch das Zipperlein an die stube fesselt. Ich hätte Euch so gerne Euere ehemaligen Landsleute in ihrer Glorie von Fröhlichkeit gezeigt." – "Ja, eine Glorie ist's," antwortete der Prälat: "eine Glorie von Flammen aus dem höllischen Pfuhl gewebt. O, ihr Deutsche, ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer Gemeinschaft." –

"Spricht lieb Mühmlein desgleichen?" fragte Dagobert die lächelnde Fiorilla. Diese aber schüttelte schelmisch mit dem Kopf, und erwiderte: "Ich müsste lügen, Vetter. Gestern erst, da zufällig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landgenossen auf's Neue bewundern. Welche kräftige Gestalten, welch edler Wuchs, welch stolze Haltung! Stark von Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann dieses Volk das schönste genannt werden von allen Reichen der Welt."

"Wie das plaudert! wie das schnappert! unedle Sinnenlust!" eiferte der argwöhnische Prälat aus seinem Sessel. Dagobert küsste aber die Sprecherin auf die Stirne. –

"Ich bringe Euch den Dank meines volkes;" sagte er verbindlich: "Ich darf doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewühl der belobten Landsleute führen zu dürfen?" Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf den leidenden Oheim, dem dagegen die Röte des Ärgers auf die Wange, stieg. "Hebe Dich weg, Versucher!" rief er zornmütig: "Entführe nicht dem Kranken die Pflegerin. Geh zu Wallraden. Dort ist Dein Platz. Sie magst Du führen, wohin Du willst." –

"Ach, Oheim!" entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrübniss: "Die Fastnacht zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei. Sie hat bessere Gesellschaft, denn die Meine."

"Hm!" meinte der Prälat, die Nase rümpfend: "Die ist nicht schwer zu finden. Doch .... ein Wort im