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nun völlige Freiheit zu gehen, wohin es ihm belieben würde. – "Geh heim, Söhnlein Friedreich," – sprach Wernher höhnisch zu ihm; "wachse im Glauben, und danke es uns fein, dass wir dir zum Himmel verholfen."

"Falle nicht in den alten Baalsdienst zurück;" ermahnte ihn Bernhard, der, der Gutmütigste von den Dreien, sich in der Tat einbildete, ein dem Himmel angenehmes Werk verrichtet zu haben: "Das Christentum schenkt zeitliche und ewige Wohlfahrt. Dem Juden sagte man, den Bekehrten wird Alles lieben, und allentalben befördern." – "Merke Dir aber noch das Eine!" schloss der Hornberger drohend: "Wofern wir vernehmen, dass Du wieder zur Ketzerei Dich wendest, dass Du diess Schildlein nicht trägst, und nicht bekennst, dass Du freiwillig unsers Glaubens wurdest, so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand. Jetzt aber bedanke Dich knieend für die von uns empfangne Wohltat, und fahre hin, Deines weges." – "Zodick musste auf seinen Knieen die hände seiner drei Paten küssen, geloben, ihnen in Treue zu dienen, wann und wo sie es begehren würden, und wurde unter Gelächter und Hohn entlassen." – Als ob ihm der Kopf brenne, lief er aus dem Bereich seiner Peiniger hinweg; bald verliessen ihn jedoch die Kräfte, und er sank nieder in den Schnee, gerüttelt von Gewissensbissen und reggewordner Verzweiflung. Es gibt Falten im menschlichen Herzen, die der Witz des Gelehrten nimmer auskundschaften wird. Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt, gemordet, und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Untat. Es waren ja nur Christen, die Unterdrücker Israels; dachte er bei sich selbst. Ihre Habe ist in unsre hände gegeben, ihr Leben selbst, das nicht edler ist, als das eines Schweins. Nur, wenn ich Einen aus Israel plündre, begehe ich einen Raub; nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes würge, begehe ich einen Todtschlag vor dem Herrn. – Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem gesetz erfüllte den verhärteten Bösewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers. Vergebens stellte er sich vor, was ihn in jener fürchterlichen Kapelle bewogen hatte, frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen: dass nämlich die Rabbiner lehren, ein gezwungener Eid sei Keinerein freiwilliger sogar sei keiner, sobald man nur geschickt den Worten des Gelübdes einen andern Sinn beilege in Gedanken, als den Geforderten. – Der Ausweg, den diese letzere verderbliche Lehre so wohltätig dem Meineid eröffnete, war unzulänglich für den Abergläubigen, der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee wälzte, um von seinem haupt den Gräuel einer verabscheuten Religion zu waschen. – "Ich bin verloren!" seufzte er aus keuchender Brust: "Ein Jude bin ich nicht mehr, ein Christ kann und mag ich nicht sein. Alle Paradiese sind mir verschlossen, jedes Glaubens Hölle mir beschieden! Einen falschen Eid könnte ich verantworten, aber solche Gräueltat nicht. Wollte ich auch vorschützen, ich hätte es nicht freiwillig getanwas nützt es mir? ... der Mensch steht vor Gott und seine Werke um ihn her. Der heilige, hochgelobte Gott, der starke eifrige Gott hat sich gekleidet in Zorn, denn er hat gesehen, wie man mich taufte, ... er hat gehört, wie ich geschworen .... wehe mir! wehe! Die Schule zu Worms wird mich in Bann tun; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden, wofern ich wanke. Muss ich denn verloren sein, warum gehen sie nicht mit mir unter, die gottlosen Söhne Amaleks? Verruchte Gojim! ihr habt mir meine Seele gestohlen! Ich fluche Euch! Ich gelobe Euch Rache, vollgeltende Rache!" –

Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Mutlosigkeit Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder sandten, das glühende Molochgebilde abzukühlen. – "Der Bund ist zerrissen!" schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen Regen: "Sammael! Fürst der Wildniss, Fürst des Todes und Gatte der entsetzlichen Nachtfrau Lilis, der Gebärerin aller Schreckgespenster und Sünden! Dir ergebe ich mich! Schütze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wut Edom's! Lehre mich das Schwert führen gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist. Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist dahin nimmst in den Stürmen Deines Grimmes!"

Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Sünder auf den Schneefeldern umher, bis der nächste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn zur Hütte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in gute, wie in böse Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder verlästerten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde ruhiger, gemässigter. Er sah plötzlich ein, wie sehr sein irdischer Vorteil durch die notgedrungne Glaubensänderung gewinne, und dass es dem jenseits Verlornen erlaubt sein müsse, hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und fremden Leiden. Er erklärte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch seien, und beschloss, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids haus auf's glänzendste zu vollenden. Trunken vor Freude