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Schlange ist, das Feld geräumt. Lasse nie einen Andern gucken zu tief in deinen Becher! lautet ein alter Spruch. Lehre Deinem Schüler nie Deine besten Künste, auf dass nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe, lautet ein andrer. – Da nun aber der Fehler begangen ist, so halte ich dafür, da Euch der Quell des Lebens Reichtum bescheert hat, es sei am Besten, damit auf anderm Boden Euer Heil zu versuchen, bis der, der Euch verderben will, in seinen eignen Schlingen verdarb." – "Wie meint Ihr das, Rabbi?" fragte Ben David aufmerksam, und Joseph erwiderte wichtig und den Mund voll nehmend: "Tut doch, was ich Euch schon vor längerer Zeit geraten. Macht Euch auf gegen Costnitz, mit Gelde versehen. Ich weiss aus sichrer Hand, dass der Herzog von Östreich bedeutende Summen sucht, die er hoch verzinsen will, wenn sie unter dem Siegel des Schweigens verabfolgt werden. Bei mehreren altbürgerlichen Geschlechtern dahier ist von ihm Anfrage gehalten worden, allein die haben ihr Baares bereits an den Kaiser und den Kurfürsten von Mainz und Pfalz geliehen. Da wäre ein ansehnlicher Gewinn zu hoffen, undkehrt ihr zurück, – ist vielleicht schon des undankbaren Dieners Freudenleben zu Ende. Wer so rasch beginnt, endet sicher rasch. Beim Flüchtigwerden oder Falschmünzen hört's gewöhnlich auf." – Ben David dankte dem Ratgeber von Herzen, und begab sich mit bessrer Zuversicht nach haus, denn es hatte an seinem Leben genagt, dass sein Erwerb zu stocken und in die hände eines Andern überzugehen drohte. Erheiterten Sinns erklärte er seiner Ester, dass sie zur Reise gegen Costnitz sich bereit halten möchte, und fröhlicher denn er die Kunde gab, nahm sie das Mädchen auf. Nachbars Ephraim, ein junger Bursche, der an Zodick's Stelle in Ben David's haus getreten war, wurde angewiesen, dem Greise Jochai freundlich und gefällig in Allem zu Diensten zu sein, und nachdem die Familie noch in häuslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte, der in den Mond Schebat fällt, fuhren Vater und Tochter, von den Segenssprüchen des Altvaters begleitet, von dannen, im Gefolge eines ansehnlichen Krämerzugs, der nach dem Bodensee trachtete. Geraten war es, einem bewaffneten Geleit sich anzuschliessen, da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von Keseberg, wegen eines Unbilds, das sie in einem Pferdehandel von dem jüdischen Rosstäuscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben, "der ganzen Judenschaft und ihren Hohmeistern, wo sie auch seien," Fehde geboten und durch ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklärt hatten. Das gedrohte Unheil berührte sonach weder Ben David noch die schöne Ester, die ungehindert ihres Weges zogen, sondern denjenigen, der in seiner Frechheit es am allerwenigsten vermutet hatte. Zodick nämlich, der wohl von dem am Römer aufgehängten seltsamen Fehdebriefe gehört hatte, sich jedoch auf seine Faust und sein Messer verliess, das er als Verteidigungswaffe versteckt bei sich trug, weil die gesetz jedem Juden untersagten, öffentlich ein Gewehr anzuhängen, schlenderte eines Abends bei einbrechender Dämmerung missmutig von Frankfurt nach Oberrad. Er hatte erfahren, dass Ben David die Stadt auf unbestimmte Zeit verlassen, und es quälte seine Seele, denjenigen nicht mehr täglich zu sehen, dessen Eigen- und Geldliebe seine Tücke einen so entscheidenden Stoss beigebracht hatte. So sehr es ihn freute, seinen Zweck zum teil erfüllt zu sehen, wie es die schnelle Entfernung Ben David's zur Genüge zu beweisen schien, so war ihm dieser Erfolg keineswegs genug. Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf die Wurzel auszurotten, den Dolch des bittersten Leidens bis an's Heft in seine Brust zu stossen, war seine Absicht, das Ziel seiner glühenden Rache. Doch, wie er so eben in dem Rüstause seiner boshaften Gedanken wühlte, den Pfeil zu finden, den vergifteten, fernhintreffenden, – fähig, des Gegners Leben zu verletzen, verkröche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Südenereilte den Grübler selbst ein feindlich Schicksal. Er war so eben an der deutschen Herren Mühle vorbeigeschritten, als aus dem beschneiten Graben der die Heerstrasse von Feldacker trennte, dunkle Gestalten auftaumelten, und ihn umringten. Zodick's Hand fuhr nach der Waffe, allein, schon hatte eine Schlinge, um seinen Hals geworfen, ihn zu Boden gerissen, ein Pechpflaster klebte auf seinem mund; im Nu war er entwaffnet, gebunden, und querfeldein geschleppt an die Ufer des Mains, von dannen auf wenig betretnen Fährten gegen Offenbach. Es war finstre Nacht, als der Flecken erreicht wurde, und die Strassendiebe zerrten ihre Beute in eine abgelegne Hütte, wo einige Männer in ritterlicher Kleidung bei dem elenden Schimmer einer Öllampe Buschkleppertafel hielten, aus der Faust. Die Gebrüder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren, die den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen. – "Sieh da! sieh da!" lachte Wernher: "Ein dicker roter Gimpel zur Fastnachtszeit! Wackre Vogelsteller, die solches wild aus dem Schnee zu graben verstehen! Guten Abend, Judas! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht. Hast Du viel Geld bei Dir?" – Zodick schüttelte heftig mit dem kopf. Einer der Wegelagerer versicherte indessen seinem gestrengen Herrn, man habe den Juden zwar noch nicht durchsucht; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib. – "Gut!" erwiderte Bernhard: "Nehmt ihm die Last ab. Das ist