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und übermütig: "Bin ich nicht immer gewesen ein eifriger Bar Israel? Hab ich nicht, wie es einem rechten Bechor zukömmt, gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote, seitdem ich geworden war ein Sohn des Gebots? Wer hat fleissiger die Schule besucht zu Worms, denn ich? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich? Habe ich einmal versäumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias Schma? Was kann man mir vorwerfen? Ich bin ein Eifriger in Israel, denn ich halte das Gesetz; ich bin ein rechtschaffener Sohn, denn ich faste jährlich am Sterbetage meines Vaters; ich bin ein getreuer Knecht, denn ich will verlahmen, wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkürzt habe, um einen Schilling. Ich bin ein sparsamer Mensch, denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet, dass ich etwas vor mich gebracht habe; ich bin wohltätig, denn ich habe nie unterlassen, Almosen zu geben an die Armen, damit sie den Sabbat heiligen konnten. Was kannst Du mehr verlangen? Was darf Deine Tochter mehr begehren?" – "Hoffärtiger Mensch!" erwiderte ihm Ben David aufgebracht: "Willst Du prahlen mit den Gebräuchen, die Deine hände verrichten und Dein Mund? Aber Du magst wissen, dass Deine hände tot sind, wenn sie sich gleich bewegen, und stumm Dein Mund, wenn er gleich redet. Das Gesetz des heiligen Gottes ruht nicht auf den Zähnen, noch auf den Fingerspitzen, sondern im Herzen. Der böse englische Pfenning ist glänzender als der Gerechte, nichts destoweniger aber falsch. Die Mesusa an der tür Deiner Hütten mag noch so schön und richtig geschrieben sein, und doch geht Sammael über ihre Schwelle, so Deine Seele nicht rein und gesegnet wäre. Zodick! Zodick! ich fürchte, Du wandelst auf bösen Wegen, die da nicht führen in das himmlische Zion; sondern in den Feuerstrom, der unter dem Trone des hochgelobten Gottes herausfliesst auf die Häupter der Sünder!" – "Wie magst Du mich schelten?" fragte Zodick mit frecher Fassung: "Du schändest mein Haupt, um Dein Versprechen nicht zu halten!" – "Davon nachher;" entgegnete Ben David ernst: "Für's Erste entscheide meine Tochter!"

Er ging und kehrte nach einigen Minuten, Ester an der Hand, zurück. "Dieser Mann freit um Dich," sprach er ohne leidenschaft: "ich zwinge Dein Gefühl nicht; antworte: willst Du sein Weib werden? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in Israel also zu seinem kind. Bekenne frei und offen: Willst Du sein Weib sein?" – Ester stürzte mit Freudentränen zu Ben David's Füssen. "Da Du mich frei sprichst, Vater," rief sie frohlockend, "so vernimm es, mein geständnis ohne Zagen: ich verabscheue diesen falschen Heuchlerich kann nicht die Mutter seiner Kinder sein" – Ben David hob sie liebreich auf; Zodick stand da auf den Kohlen der peinlichsten Beschämung, wort-, bewegungslos. Ben David hatte Mitleiden mit seiner Qual und sandte die jubelnde Ester durch einen Wink seiner Hand hinweg. – "Du wirst nicht begehren, eine, so Dich hasst, in Dein Bette aufzunehmen," redete er zu Zodick: "siehe aber, ich löse mich von Dir mit diesen zwanzig Mark Silbers." – Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick hin auf den Tisch. – "Verlasse aber jetzt mein Haus;" fuhr er fort: "es kann Dir hier nimmer wohl sein." – Eine tiefdunkle Röte bedeckte Zodick's Gesicht; seine Brust hob sich mühsam. – "Du gehst mit mir um, wie mit einem aus dem verfluchten Stamme Esau;" murrte der vor Zorn zitternde Knecht: "hab ich's verdient, dass Du also mit mir verfährst? Ben David! Ben David! dass es Dich nicht gereue! der heilige Prophet Elias und seine Engel sind allentalben um uns. Sie haben Deine Worte gehört! zittre vor ihrer Rache!" – "Zittre Du selbst vor ihnen, Sohn der Unreinigkeit!" zürnte Ben David: "Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine Händel, während Du mir allein Rache brütest. Der Prophet hört Deine Worte wie die meinen; er belauscht Deine Schritte wie die meinen. Er sieht Dich, wann Du hinausgehst zur Stunde, wo Lilis, die ungeheure Nachtfrau auf dem Trone sitzt, und ihre Söhne die Teufel aussendet, dass sie die Menschen verblenden. Der Prophet weiss, was Du zu jener Zeit verrichtest, da Du ferne vom haus umherschwärmst auf dem Pfade verbotner Lust, oder verdammlicher Tat. Zittre! geboten ist's, zur Nachtzeit die schulen zu besuchen, wo deren Dasein erlaubt ist; geboten ist's, den Neumond zu feiern mit Dankgebeten; erlaubt ist's, in der siebenten Nacht unsers Hüttenfestes hinauszugehen in den Mondschein, um den Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens; – aber verboten ist's, aus sündlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers. Dieses tust Du aber unzähligemale, dieses hat mir Dein übles Trachten verraten, dieses verweist Dich aus meinem haus; der Friede des Herrn komme auf Dich, und sein Segen. Geh' hin, und meide uns." – Zodick lachte höhnisch dem Scheidenden nach, und ballte in steigendem Ingrimm die kecke Faust. "Du sollst es noch teuer bezahlen