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, als der heilige Martin in der Procession. Ihr ward so stattlich, und das Pferd so geputzt und so blank; ... nein! einen solchen Gaul gibt man nicht her!" –

"Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen? rief der Junker: Willst Du die Bürgschaft der Herren von Eppstein, von Hornberg und von Hyrzenhorn?"

"Was soll mir die Bürgschaft von diesen Herren?" fragte Ben David: "Sie sitzen mir zu hoch, und haben mich selbst schon zu oft gepfändet, als dass ihr Wort mir ein gültig Pfand sein könnte" Ja, – wenn es der edle Herr von Dalberg wäre, der wackre Kämmerer von Worms, unsers Glaubens Beschützer; .. oder nur der Meister Trautwein, .. aber .. setzte er lächelnd hinzu: "Der Erste kennt Euch nicht, und der Zweite ist zu klug, um jemals sich zu verbürgen."

"Kreuz und Dorn!" fuhr Gerhard auf: "Mach' mich nicht wild, elender Hundsjude. Ich will Dich lehren, mein adelich Wort zu ehren. Zur Stelle wirst Du mir gehorsamen! Einem Fürsten oder dem Krämermagistrat einer Reichsstadt seid Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut. Aber einen wackern Edelmann lasst Ihr verderben."

Der Jude zuckte die Achseln. "Fordert die Stadt unser Geld," sprach er kalt: "so gehts mit Stürmen los auf unsere Habe, und der Gewalt weichen wir. Der Kaiser gibt uns Schutz, und nennt uns seine Kammerknechte; und da wir zufrieden sind, wenn wir atmen dürfen, wenn gleich als Knechte, so geben wir gern dafür, was unser ist. Dem e i n z e l n e n steht aber nicht die Befugniss zu, uns gewaltsam zu plündern, zum mindesten nicht in Worms, wo wir eines billigen Schutzes uns erfreuen." –

Bei diesen Worten näherte er sich der tür, um das Gemach zu verlassen. Gerhard jedoch, von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrängt, wollte ihn aufhalten, und gab von seiner Störrigkeit vieles nach, indem er ihm sagte: "Es war nicht so übel gemeint, Ben David. Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann nicht so lang auf die Folter legen."

"Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit;" erwiderte der Jude: "aber Euer Benehmen macht mich nicht lüstern auf ihre nähere Bekanntschaft."

"So lass doch mit Dir reden;" fuhr Gerhard fort, ihn zurückhaltend. "Ich will mit Dir handeln, wie ich es mit einem braven Christen tun würde, und mit einem ebenbürtigen mann, während Du doch keiner von Beiden bist. Ich verschreibe Dir Zins und Rückzahlung bis zum Sonntag Lätare, kommenden Jahrs mit meinem Namen und Wappen; und mit der Klausel, dass, wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht werden könnte, ich, mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im Rebstock halten will, bis Du befriedigt bist."

"Ei! ei! bei meinem Bart! was mutet Ihr mir zu?" fragte Ben David. "Da sässen zwein im Unglück statt des Einen. Ich, weil Ihr mir meine Schuld nicht bezahlt, – der Wirt, weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt. Nein; bin ich gleich ein Jude, will ich doch nicht einen braven Christen, wie diesen Rebstokkwirt, in Schaden bringen. Ich sehe schon; Ihr würdet mir noch anbieten Eure Hausfrau als Pfand, wenn Ihr nicht unbeweibt wärt. Gott befohlen!"

"Jetzt hast Du Zeit zu gehen, verdammter Spötter!" tobte der Junker, und erwischte sein grosses Fechterschwert, das er drohend gegen den Juden schwang: "Hinaus! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren, dass du vielleicht nachher keine Spur von ihnen findest!"

Ben David wollte schnellfüssig aus der tür. Indem sprang aber der kleine Hans, der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte, ängstlich schreiend hervor, und hing sich an Gerhard, entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte, und einen schrecklichen Auftritt fürchtend. Der Junker hielt inne, und beugte sich zu dem Knaben, ihn zu beruhigen. Während dessen hatte aber Ben David einen blick auf den letzteren geworfen, einen Augenblick teils überrascht, teils überlegend verbracht, und sich endlich wieder gelassen über die Schwelle in das Zimmer verfügt. "Was willst Du noch hier?" schnauzte ihn Gerhard an, als er nach flüchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Höhe sah.

"Mit Verlaub, gestrenger Herr!" sprach Ben David, das linke Auge auf den Erzürnten, das rechte auf das Kind richtend: "Ist das Euer Knabe?"

"Kümmerts Dich?" fragte Gerhard, wie oben. – Der Jude verneigte sich geschmeidig, schüttelte leicht den Kopf. "Um des Knaben Willen möchte ich dann mit Euch ins Reine kommen." Fuhr er fort. –

"Ich bedaure;" versetzte Gerhard: "Der Knabe ist nicht mein; obendrein eine sehr unnütze widerliche Last."

"Eine widerliche Last muss man sich schaffen vom Halse;" meinte Ben David und erkundigte sich, neugierig, nach seines Volkes Sitte, um die nähere Bewandtniss, die es mit dem kind habe. Gerhard machte auch kein geheimnis aus der Art, wie er zu demselben gekommen, und aus seinen Mitteilungen, wie unvollkommen sie auch sein mochten. Der Jude hörte aufmerksam zu, und in den Muskeln seines Gesichts zeigte