1827_Spindler_093_59.txt

"

"Wie?" fuhr Veit überrascht auf: "Der Jude, der pfiffigste aller Galgenvögel, der unverzagteste aller Mörder hat Euch den Dienst aufgekündigt? Blitz und Strahl! Wegen seiner bin ich eigentlich hier. Seiner Geschicklichkeit bedarf ich ja gerade am allermeisten."

"Die wird Euch auch nicht entstehen;" tröstete die Alte: "Kann die Arbeit bald getan werden, so verrichtet sie der Rote gern für Euch. Ihr kennt ihn und uns ja nicht von gestern. Aber im nächsten Sommer wird er eine Frau nehmen und gegen Worms ziehen, und das Messer an den Nagel hängen, um ein ehrlicher Mann zu werden. Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu tun. Den besten teil jeder Beute hat er für sich genommen, und sein Gewissen ist vollkommen ruhig, denn ein Jude begeht keine Sünde, wenn er einen Christen plündert oder erschlägt, so wenig als es etwas zu sagen hat, wenn ein Christ einen Hebräer tot macht."

Schöne Weisheitslehren! dachte Veit für sich, und wünschte sich weit hinweg von dem entmenschten weib in die Gesellschaft der rohesten Männer. Sein Wunsch wurde bald erhört, denn ein dumpfes Geräusch wurde, fern herkommend, vernommen. Die Alte spitzte das Ohr, öffnete behutsam den Schiebladen, horchte und flüsterte in die stube herein: "Sie kommen, edler Herr; sie sind's!" – Auch Veit legte sich auf die Lauer. Das Gesumme kam näherleichte Tritte, dann Gestolper auf dem holprigen Pfade, der von der Bergener Anhöhe herunter führte, ... mitunter leises Stöhnen, wie das eines Geknebeltendarauf folgende halblaut hervorgepresste Flüche; ... endlich verlor sich Alles hinter der Hütte, und schien plötzlich still zu werden. Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die Alte aber das Fensterlein zu, packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm, und murmelte mit klappernden Zähnen: "Betet, betet ein Paternoster, lieber Herr, ... ein Ave für die arme Seele: Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ... Gott erbarme sich!" – Veit, dessen Haare sich auf dem Wirbel sträubten, machte sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los, und wollte zur tür, zu welcher eben Judit wie ein bleicher Schatten eintrat, umweht von schaurigem aus duftiger Nachtferne dringendem Geächze. "Wo wollt Ihr hin?" fragte die Dirne hohl und bebend: "Bei den Weidenbäumen wird das Werk getan, auch ohne Euch. Wahrlich! besser wäre es, mit dieser Hütte umzukommen im feurigen Pfuhl, als den Mord zu sehen, an welchem wieder ein Gerechter verblutet."

Ein herzzerreissendes Stöhnen aus der Ferne war das Letzte, das gehört wurde. Lange blieb es nun stille; endlich hörte man ein Rauschen im Moore, wie das Versenken schwerer Steine, und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Hütte zu, in welche drei stämmige Kerle traten. "Guten Abend!" war ihr erstes Wort; "Wer da?" ihr zweites, da sie des Fremden gewahrten, der ihnen indessen bald kein Fremder mehr war, wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies, der ihn zuvorkommend aufnahm. – "wasser!" herrschte Einer von den andern hochgewachsenen Burschen der Dirne zu; und gemessenen Schritts holte diese den Schwenkkessel vom Kandelbret, in dem sich der Wildblickende die hände wusch. "Reinige Deine blutigen hände, Zodick;" redete das Mädchen zu ihm: "von Deiner Seele geht der rote Flekken nicht ab, bis er sich vor dem Herrn in höllische Flammen verkehren wird." – "Schweig, Aberwitz!" polterte der Jude, die Faust gegen sie erhebend. "Dass i c h schweige," versetzte die Magd, "ist kein Wunder, da ich Deine Schläge fürchte, dass aber der dort oben schweigen kann bei solchem Mordgräul, ist ein unverständlich Mirakel!" – "Wahnsinniges Tier!" entgegnete Zodick verächtlich, und setzte sich zu den Übrigen. Die Alte trug Most auf, und die Habersuppe, die den Übrigen mundete. Zodick zog aber ein Stück Brod aus der tasche, und einige Zwiebeln, um sie zu speisen, legte dann sein Messer in des Herdes Kohlen, und forderte seinen besonderen Becher, seine besondre Flasche. Beides, mit eingeschnittnen Zeichen versehen, wurde gebracht; in dem Most, der ihm vorgesetzt wurde, löschte der gewissenhafte Jude die glühend gewordne Klinge ab, murmelte: "Koscher! koscher! koscher!" vor sich hin in den Bart, und trank und ass dann mit den Andern drauf los, die ihrerseits ebenfalls die grösste Scheu zeigten, etwas zu berühren, dessen sich der Hebräer bedient hatte. "Wo ist Jost?" fragte die Alte, einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend. Der Wirt zuckte schweigend die Achseln, der Andre blies gleichmütig über die flache Hand weg, Zodick aber antwortete frech. – "Was gibt's da zu verhehlen? Gebeckert hat er. So wahr als wir sitzen hier am Tische, so wahr hat ihn der Goi, der nicht lassen wollte vom Gelde, darniedergestreckt mit e i n e m Hieb. Darum hat er auch müssen an's Messer, und hätt' ich ihn schleppen müssen sechs Stunden weiter, ich hätt' ihm sein Blut nicht geschenkt." – "Bärenwütig hat sich der Bursche gewehrt," fuhr Marten fort: "er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen