oben. – "Ich will mich daher lieber draussen im Stalle zur Ruhe legen, als in Eurer Nähe." – Sie stand auf, und ging. – "Mädel, draussen pfeift der Schneewind;" rief ihr die Mutter zu. – "Mein Ross steht im Stall, und kann nicht gut Gesellschaft leiden!" fügte der Junker bei. – "Was tut das?" fragte die Dirne entgegen: "Schneeluft ist kalt, aber kälter der Schooss einer gottlosen Mutter. Unter den Hufen eines schlagenden Rosses schläft der Gerechte besser, als unter'm Schirmdache des Bösen. Gute Nacht!" – Sie verschwand, und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger unheimlich um's Herz geworden. Unheimlicher noch der Mutter, die trübsinnig beim Feuer sitzend, die hände faltete, und in die Flamme starrend, die dicken Tränentropfen ungetrocknet liess, die in ihren grauen Wimpern hingen. – "Die Maid bricht noch mein Herz, ..." seufzte sie endlich: "und ich darf sie nicht schelten, weil sie die einzige Unschuldige im haus ist." – "Eine Närrin ist sie!" brummte Veit mürrisch. – Die Alte versetzte aber eifernd: "Nein, lieber Herr, sie ist verständiger, denn Eine ihres Alters. Die Klostermagd am uralten Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt, war der Dirne Taufpatin, und brachte sie, da sie zehn Jahre alt geworden, und ich noch rüstig dem Haushalt vorzustehen vermochte, als ihre Helferin in dasselbe Stift. Daselbst wurde unsre Judit zwanzig Jahre alt, und überlebte ihre Patin, und trat an deren Stelle, bis ich, vergesslich werdend und an Kräften abnehmend, sie wieder zu uns forderte. Sie weigerte sich auch keineswegs, und kehrte heim, geschickt und gewandt, und ausgestattet mit Bibel- und Sittensprüchen, die sonst an uns gemeinen Leute nicht kommen. Ihr Verstand merkte bald, wo es leider in unserm haus hinaus will, und ihre Frömmigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus, vor denen nicht selten mein Mann selbst erzittert. Im Anfang wollte er die Judit s c h l a g e n , aber es war immer, als ob ein Engel seine Hand aufhielte, obgleich die Dirne gelassen rücken und Wange bot. Und da wir nun sahen, dass sie unverdrossen ihre Arbeit verrichtet, und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige, so liessen wir sie reden, und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewöhnt, beachten sie gar nicht, wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos angreift, wie just heute. Ich habe sie ja doch g e b o r e n ! " –
"Eben darum;" versetzte Veit gleichgültig: "die Bärin muss etwas von ihrer Brut vertragen können. Schlechtes Volk seid ihr, das leidet einmal keinen Zweifel. Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch, fügt Euch der Tollheit Eures Sprösslings, und dankt dem Satan, wenn die Verrückte Euch nicht einmal an die Gerichte verrät."
Die Alte schüttelte ungläubig den Kopf. "Das tut sie nimmermehr!" sprach sie: "Ich habe einmal von ihr verlangt, sie sollte einen Eid darauf schwören." Sie aber hat's nicht getan, und gesagt: "So Ihr auf ein leeres Wort von mir vertraut, mehr als auf mein kindlich Herz, so verdientet Ihr, dass ich hinginge und Euch verriete. Sorgt indessen nicht, für Eure Sünden will ich büssen, wenn's Not tut, weil es geschrieben steht, dass die Untaten der Eltern bis in's vierte Glied forterben, ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt." –
"Desto besser!" lachte der Leuenberger: "Da habt Ihr ein gutmütig Schäflein, das, wenn einmal der Stab über Euch gebrochen wird, für Euch den Hals streckt, und bei dem lieben Gott Eure Fürbitterin wird. Stille aber jetzt mit dem törichten Geplauder. Weisst Du schon, dass Euer alter Geselle, der Weber Paul von Bonames, gestorben?"
"Nein, werter Herr," erwiderte die Alte: "Ihm sei das Freudenreich dort oben, wenn's also sich verhält."
"Den Teufel auch!" schalt Veit: "Der Hölle Schwefelpfuhl sei dem niederträchtigen Buben, der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde, und mir übeln Leumund brachte. Ich kümmre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu Frankfurt, aber verdrüsslich ist's doch immer, wenn solche Menschlichkeiten zur offnen Sprache kommen."
"Ja wohl, ja wohl!" bekräftigte die Alte: "Paul war sonst einer der Besten unter meines Martens Leuten, bis er fromm wurde, und sich in Reue und trostlosem Nachgrübeln sein Ende herbeizog. Mein Mann erzählte oft, der Paul führe einen Stoss, trotz einem Wälschen, und Stich und Tod sei Eins bei ihm."
"Dem war auch so," versetzte Veit: "bis der Kerl zum Schurken wurde."
"Dass solche kecke Leute auch dahinfahren müssen!" fuhr das Weib fort: "Ich darf es wohl bekennen; die besten Gehülfen Martens, den doch allgemach Augen und Kraft verlässt, kommen nach und nach von seiner Seite. Dreie sind ihm noch geblieben von der ganzen Schar, die er seit mehr denn zwanzig Jahren mühsam herangezogen. – Und von diesen Dreien wird nächstens der Beste, der Jude, sich trennen, wie mir mein Mann mit Verdruss geklagt.