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die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels grösstenteils, dann und wann der verstekkte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger Raubjunker; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten, von Sturm und Regen hier zum Übernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers. Weder dem Leuenberger, noch seinem Gaule war das räucherige Nest ein unbekannter Ort, denn in der einbrechenden Dämmerung, wie auf bösem, aufgewühlten und dann wieder hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings. Der Reiter klopfte, zum Zeichen, dass ein guter Freund angekommen, mit der Gerte an die armseligen Schiebefenster, zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannenästen, die einen Stall vorstellen sollte, band es an einen Sparren fest, und trat, nachdem er ihm Häckerling vorgeschüttet, und eine Last Stroh, von dem Hüttendach gerauft, untergeworfen, in das Innere der verrufnen Kneipe. Ein altes Weib kauerte am Herde, und mühte sich ab, das nassgewordene Reisig in Flammen zu blasen; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte, schlief in der Ecke mit einigen daselbst aufgeflogenen Hühnern um die Wette. Sonst keine Seele in der Hütte, und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert, dergleichen Bänke, und ein Kandelbret mit unsaubern Krügen und hölzernen Bechern versehen, waren das ganze Geräte der stube, auf deren Estrich man mit der grössten Vorsicht wandeln musste, um nicht in einem der Löcher desselben ein Bein zu brechen. – "Ein Glas Funkelhans!"4 rief der Eintretende der Alten zu, die auch alsobald mit tiefem Reverenz das verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte. "Ich werde hier bis morgen verweilen," fuhr Veit mit vornehmen Tone fort: "Die Nacht hat mich übereilt, und ist keines Menschen Freund." – Das Weib nickte beifällig, versicherte, es werde ihr eine Ehre sein, den Junker zu beherbergen, und machte sich wieder an ihr Geschäft. – "Was braust Du da Alte?" fragte Veit, um das Gespräch nicht ersterben zu lassen. – "Habersuppe, edler Herr;" erwiderte die Wirtin, indem sie einen derben Kessel an's Feuer rückte. – "Wer geht heute bei Dir zu Tafel, alte Hexe?" fuhr der edle Herr fort: "Die Brühe ist zu lang für Deinen und Deines Töchterleins Hunger." – "Hm!" grinste das Weib: "Ihr wisst ja wohl, dass wir oft Gäste haben, und so auch heute. Mein Mann hat bei Bergen ein Geschäft, das ihn bis in den späten Abend vielleicht aufhält. Wenn er heim kommt, wird er hungrig sein, und die Gesellen nicht weniger." – "Was gibt's heute zu Bergen?" erkundigte sich der Leuenberger. – "'S ist dort Tanz und offne Lustbarkeit;" klang der Bescheid: "Ein reicher Bürgersohn von Friedberg, der vor der Adventzeit die schöne Eva von Bergen geehlicht, hält heute ihren Mahlschatz, und gedenkt, ihn noch gegen Friedberg zu schaffen." – "Er gedenkt, ..." brummte Veit höhnisch; "so, so! Dein Alter denkt aber weiter, nicht wahr?" – "Ach grosser Gott!" seufzte das Weib, die Augen verdrehend: "Man muss freilich sehen, wie man kümmerlich sein Leben durchbringe." – "Kümmerlich!" spottete der Gast: "Ihr Lügenvolk! Nur das Schlechte lasst ihr liegen; das Beste nehmt Ihr, und heuchelt obendrein Armut gegen Leute, die Einiges von Euren Kniffen verstehen." – "Lieber Herr," erwiderte die Wirtin: "'s ist lauter Wahrheit. Mit den Kumpanen muss man teilen; das Kostbarste verscharren, darf das liebe Gut nicht sehen lassen. Oft sagte ich zu meinem mann: Marten! sagte ich zu ihm: Wär's nicht besser, wir fingen an ehrlich zu arbeiten, und könnten ruhig leben und uns wohl sein lassen, als von ungerechtem Gut reich sein, und es verbergen müssen, und zittern müssen vor Entdeckung? Da lacht er mich aber jedesmal aus, und sagt: Wart nur, Weib, bis wir genug haben, dann wallfahrten wir nach Compostell, opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone, holen uns Ablass, und kaufen uns alsdann am Rheine an." – "Ein seines Vorhaben," lachte Veit: "So habt ihr noch immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben, vielleicht noch selig gesprochen zu werden, wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt." – Die Alte wurde empfindlich. "Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses teilhaftig werden? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen." – "Verfluchte Spötterin!" fuhr Veit auf, und griff nach dem Dolche. Die Alte rannte schreiend nach der Ecke, in der die Tochter schlief, und weckte diese durch ihr Gejammer.

"Was schreit Ihr denn also?" fragte die Erwachende in schlaftrunknem Gleichmute: "Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen, und in Eurem lüderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden sein." – Veit musste über die faule Predigt lachen, die das hässliche Mägdlein hielt, und steckte den Dolch wieder ein. – "Komm her, Alte," rief er: "'s war nur mein Scherz. Und Du, garstige Bussrednerin, lege wieder Dein Haupt zur Ruhe. Unser Gesprächsel würde Dein frommes Ohr ärgern."

"Das würde es auch;" versetzte die Dirne, wie