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Dich liebt, und ein Wörtlein aus Deinem minnekosigen mund setzt den Waffenbruder in Freiheit, ohne dass ihm besonderer Schaden zugefügt wird."

"Was kannst Du mir zumuten?" fragte Margarete staunend und bestürzt: "Welchen Begriff machst Du Dir von meinen Sitten, meiner Zucht? Ich liebe den Schulteiss nicht."

"Tue nicht so heilig, mein Täublein!" versetzte Veit lachend: "Wir wissen das besser. Der Schulteiss ist ein stattlicher Mann; stattlicher noch, als Dein guter Stiefsohn, der Dir auch gar hold war, und Dein Eheherr ein Lazarus, ein a l t e r Lazarus obendrein, dessen gichtbrüchige Beine ihm den Dienst versagen, weil er sie nach 66 Jahren noch nicht zur Ruhe legen will."

"Frecher Spötter!" sprach Dieters Frau, errötend im stolzen Unwillen: "Beuge Dich vor den grauen Haaren meines Herrn, dem Du Ehrfurcht schuldig bist." –

"Ehrfurcht! Ei warum denn?" lachte der Bruder: "etwa desshalb, weil er mich darben lässt, und Dich angesteckt hat mit seinem schmutzigen Geize? Oder, weil er gegenwärtig auf dem Römer sitzen und die Geschenke mit empfangen darf, die der Pöbel seinen saubern Herren bringt? Wohl bekomme ihm das Würzgeschenk und die Malvasiersuppe, die ihm die Juden bringen; Gott gesegne ihm die Honigkuchen mit denen die weissen Frauen den Rat heute bedanken. Lieber wär' es mir jedoch für Dich und mich, Du hättest ihn schon zu Tod geärgert, und man sänge das De Profundis über seinen starren Leib. Du hättest dann nicht Not, den Tugendspiegel länger vorzustellen, und ich würde am Ende Vormünder über Deinen Buben, der leider Frosch heissen muss, ob er gleichich schwöre daraufkein Frosch ist."

Diese gemeine Zweideutigkeit fertigte die Verletzte mit einem verächtlichen Blicke ab, weigerte sich jedoch hartnäckig den Knaben herbeibringen zu lassen, welches der werte Oheim angenehm dringend, wie immer verlangte; und während dieser Weigerung kam Dieter im völligen staat eines Schöffen nach haus. War Margaretens Staunen bei dem Anblick des unwillkommenen Bruders gross gewesen, so überstieg das unmutige Befremden Dieters dasselbe noch bei Weitem. Die Ungezogenheit des Gastes liess es aber nicht zum Ausbruch kommen: "Glücklich Neujahr!" schrie er, dem Schöffen an den Hals fliegend: "so viel Gesundheit, als dazu gehört, Metusalems Alter zu erreichen, so viel Geld als der Kaiser brauchen würde, um zu sagen: Ich habe genug; und so viel Glück als Töchter der Freude hier zu Frankfurt hausen! Ich zweifle nicht, dass Ihr diese Wünsche mit einem feinen Geschenk vergelten werdet, und will es in dieser Voraussetzung dabei bewenden lassen, alter Schwager."

Dieter blickte ihn stumm und achselzuckend an. "Mit einem guten Rate zum Mindesten will ich des Überlästigen Glückwünsche, so widerlich sie sind, vergelten," sprach er, "kommt ja nie mehr gegen Frankfurt; stellt Eure Auflauerungen in der Umgegend ein; haltet Euch fein still zu Gelnhausen. Paul, der Webergesell aus Bonames ist so eben in seines Meisters haus in der Schnarrgasse verschieden, nachdem er ein Bekenntniss abgelegt, das über den zu Bonames verübten Mord viele, die wichtigsten Aufschlüsse gibt. Der Stadtpfaffe2 wird das Bekenntniss bei Rate niederlegen und auf Eure Verdammung antragen." –

Veit wurde blass; ermannte sich jedoch: "Verdammtes Lügengespenst!" rief er: "Der Rat hat nicht mich zu verdammen, ich stehe nicht unter ihm."

"So haltet Euch auch fern von seinem Weichbild," ermahnte Dieter: "die Untat ist auf seinem Boden verübt worden, und wir verstehen keinen Scherz. Dass ich Euch jetzt warne, läuft schon wider der meine Pflichten. B e r ü c k s i c h t i g t aber mindestens diese Warnung, und bringt ferner uns nicht Gefahr durch Eure Einkehr."

"Gefahr?" lachte Veit mit grimmigem Hohne: "E h r e bringe ich Euch; mehr Ehre, denn Ihr verdient, ungastlicher Mann. Ein Sprosse alten Geschlechts, wie ich bin, sollte sich Recht vor Recht scheuen, in ein Haus wie das Eure zu treten; diese Auszeichnung verdankt Ihr nur Eurem weib, das sich zu Euch herabliess. Ich hoffe dafür nicht mit Undank belohnt zu werden. Für's Erste weigert Euch nicht, mir den Jahrgehalt verabfolgen zu lassen, den Margarete mir bisher zahlte; zehn Pfund heller, nicht mehr, nicht weniger. Gerade so viel kostet's, um Bürger bei Euch zu werdenlege ich zwei Pfund darauf, so kann ich einen Mord abtun vor Gerichte, wär's auch der des pfaffen zu Bonames."

Margarete schlug beschämt die Augen nieder. Dieter sah strenge auf sie, und sprach: "Ich wusste wohl, dass meine Ehefrau Euch zudringlichen Gesellen dann und wann mit Almosen bedachte, aber von einem Jahrgehalte weiss ich nichts, und ein so Reichliches erwartet nimmer."

"Ihr wisst wohl von Vielem nicht, was Euere Wirtin tut;" äusserte Veit hämisch grinsend: "'s ist kein Wunder; nicht Eure Haare allein, auch Euer Verstand und Witz ist alterschwach geworden."

"Glaubt ihm nicht, dem schamlosen Lügner;" bat Margarete den stutzig werdenden Gatten. "Er missbraucht auf unerhörte Weise die Blutsfreundschaft, die mich leider an ihn fesselt. Ich gab nie so viel; Eure Gebote waren mir heilig, lieber Herr!"

"Glaubt