des Bruders Brust Genugtuung zu suchen. – Verlasst mich jetzt."
Stumm vor Kränkung, Wut und Abscheu mass Dagobert die entartete Schwester mit einem Blicke der tiefsten Verachtung, und wendete sich von ihr, wie der fromme Märtyrer von dem Bilde Baals, dem zu opfern die Tyrannei ihn zwingen will. fest entschlossen, die Unheilatmende nie wieder zu sehen, ging er hinweg.
Neuntes Kapitel.
Der Reiter und sein geschwindes Ross,
Sie sind gefürchtete Gäste.
Schiller.
Der erste Tag des Jahres Eintausend vierhundert und fünfzehn hatte sich eingestellt, zur Freude von Alt und Jung; denn obgleich der Winter jetzt erst anfing, so dachte schon Jedes mit Entzücken an die Fastnachtfreuden, und an die bald darauf folgenden gelben Himmelsschlüssel, die lieblichen Herolde des Frühlings. In Frankfurt war Alles lebendig, das fest zu begehen; die Kirchen waren gedrängt voll, und auf den Gassen summte es fröhlich umher. Aus den Pelz- und Zwillichmänteln schauten vergnügte Gesichter, und der Geschenke wurden fast viel gespendet. Freunde begabten Freunde, Verwandte den Blutsfreund, der Herr den Diener, der Untertan seinen Vorgesetzten. Auf dem Römer sassen Bürgermeister, Schulteiss und Schöffenrat, um die gewohnten Gaben zu empfangen. In den Gotteshäusern waren die Opferstöcke dazu geöffnet; Genossen der Brüderschaften der heil. Sebastian, Jost, Jörg und Stephan sammelten in verschlossenen Büchsen für die milden Stiftungen von Haus zu Haus. Und durch all dieses Getreibe hüpften Gesellen ohne Haus und Hof, Frau und Kind, die Trinkstuben und Zunftäuser füllend, weil an diesem Tage die strengen Zechordnungen so gut wie aufgehoben waren. Den Altbürger Dieter Frosch hielt sein Amt als Schöffe auf dem rataus fest; seine Ehefrau hatte die Liebfrauenkirche besucht, und wandelte nach ihrer wohnung zurück, da der Gottesdienst zu Ende war, als Else, die unter der tür auf sie geharrt hatte, von Weitem schon auf sie zusprang. "Ach, liebe Frau," sagte sie eilig: "erschreckt nur nicht. Es sitzt ein Gast in Eurer stube, der Euch nicht angenehm ist. Ärgert Euch nicht, und denkt an Eure kostbare Gesundheit." – "Wer ist's, Unheilbringerin?" fragte die Altbürgerin ängstlich, und sah an ihrem haus in die Höhe; da gewahrte sie, oben aus dem Fenster schauend, den Mann, dessen Anblick in der Tat ihrem Herzen nicht wohl tat. – Verdruss in Auge und Brust stieg sie hinauf, und trat, ohne denselben zu verhehlen, in ihr Gemach, wo ein langer Mann in ritterlicher, aber abgetragener Kleidung, bequem i m Lehnsessel sitzend, ihrer wartete. Sein sonnverbranntes Gesicht mit den Zügen eines Dreissigers trug indessen alle Spuren eines lockern Lebenswandels, so wie sein übriges Äussere das Gepräge der Dürftigkeit aufwies. An seiner, in zwei Farben geteilten Tracht fehlte nichts, was zu dem Anzuge eines adelichen Herrn gehört, aber Alles war im übeln Zustande. Der Federbusch auf dem fleckigen hut hing wie eine trauernde Weide darüber her. Die Metallspangen und Hefteln des Wamms waren erblindet, die Zierraten des verblichenen Mantels unscheinbar geworden; Handschuhe und Reitstiefel, sammt Sporen, Dolch und Raufdegen zeugten von langem Gebrauche und schlechter Besorgung. Zu der ganzen Gestalt, die von allen Unbilden der Hitze, des Frostes, des Schwertes und der Armut gezeichnet war, passten vollkommen die ungeschlachten Geberden, die vernachlässigte Sprache, die der Redner immer mit ausdrucksvollen Bewegungen seiner hagern luftgebräunten hände begleitete, und gaben das getreue Bild eines jener Edelleute, die nichts ihr Eigentum nannten, als den dürren Klepper, den sie ritten, das Wenige was sie am leib trugen, und ihr Wappen; die an den Kreuzwegen ihr wild Gewerbe trieben, und oft keine sichere Höhle hatten, um ihre Beute darinnen zu bergen. – "Was soll das, Veit?", fragte Margarete streng und finster: "Du schon wieder hier? Du magst wissen, dass Deine Gegenwart mich befremdet, mich in Unmut versetzt." – "Niemand ist darob bekümmerter denn ich," antwortete der Fremde: "Du weisst aber, lieb Schwesterlein, dass ich nicht anders kann. Die Welt bekümmert sich nicht um mich; ich muss mich daher um sie bekümmern. Die Blutsfreunde laden mich nicht ein; daher muss ich mich schon selbst einladen." – "Du bist ein zudringlicher Gast," zürnte Margarete: "und jede Nachsicht macht Dich mehr zum Schmarotzer!" – "Sei nicht böse, Gretel," versetzte Veit spöttisch: "Dein schmuckes Angesicht wird hässlich entstellt durch den Zorn, und Du änderst damit doch nichts. Ich bin einmal da, um Dir ein glücklich Neujahr zu wünschen, und den Festtag bei Dir zu begehen." – Mit einem Seufzer des Unwillens legte Margarete Hut und Hauptfinster1 ab, hängte Mantel und Überkleid in den Schrein, und setzte sich hierauf in ziemlicher Entfernung dem Bruder gegenüber. – "Wo kömmst du her?" fragte sie kurz und hart. – "Zunächst von der Landstrasse;" erwiderte der rohe Mensch: "eigentlich aus unserm Rattenneste zu Gelnhausen". – "Was macht die Base, wie geht es ihr?" – "Hm; die Base ist noch lahm wie sonst. Einäugig ist sie jedoch obendrein geworden. Die Katze hieb ihr das rechte Auge aus. Im Uebrigen befindet sie sich wohl. Sie tratscht über Kaiser und Reich, und hat dabei eine frische Esslust, trotz mir. Das wäre nun freilich all gut, wenn wir nur