weil ich niemals heiraten werde, und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will."
"Ich werde demnach in diesem Geschäfte Euer stummes unwissendes Werkzeug vorstellen?" fuhr Dagobert fort; "wie der eigenhörige Knecht, der Hab' und Leben wagen muss, bloss weil sein Herr es will, und die Vernunft der Gewalt gehorcht?"
"Befremdet Euch das?" fragte Wallrade, aufstehend; denn der das Hochamt haltende Domprobst sang so eben das feierliche: Ite, missa est: "Seht um Euch her, lieber Bruder Grübler; seht auf Euer Kleid, und nehmt die Vernunft gefangen. Ihr seid dem Weltall eigen, das erst, nachdem Ihr ihm Alles geopfert, vielleicht Euch offenbart, warum dieses sein musste; Ihr strebt darnach, der Leibeigne eines Standes zu werden, der für Alles den Löseschlüssel hat, Alles verzeiht, nur das Vernünfteln nicht. Übt Euch vor der Hand in solcher Pflicht, und gehorcht den Launen eines Weibes, denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefühl, welches Ihr von meinem Herzen verlangt."
Sie schritt von dannen, der Knecht voraus, Dagobert ihr zur Seite, hart an den besprochnen Freiwerbern vorüber, wie nicht beachtet wurden. – "Ich werde Euch willfahren, Wallrade," sprach der Bruder unter der Pforte: "ich habe es Euch zugesagt; aber weh tut mir's, dass eine Art von Schergenhandlung, deren Zweck und Grund ich nicht begreife, der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung werden soll, die mir mein redliches Werben, die Bande des Bluts und unsers Vaters Liebe hätten zusichern müssen. –"
"Die Redlichkeit des Mannes ist Lüge meistenteils," versetzte Wallrade kalt und hart: "die Verwandtschaft achte ich nicht – Kain erschlug den sanften Abel – und Dieter Frosch, dessen Namen ich nicht mehr trage, hat aufgehört, mein Vater zu sein, da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwählte. Schweigt also von Dingen, die nur in des Bänkelsängers Lied gehören, und sagt mir: tut Ihr, was ich begehre, oder nicht?"
"Das Erstere; verlasst Euch darauf;" antwortete Dagobert unmutig. "So lasst uns hier Abschied nehmen;" versetzte Wallrade: "ich untersage Euch, mich nach haus zu geleiten. Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse, und ich will keinen Verdacht erregen, den ich mit dem leistesten Wörtlein zu widerlegen, unter meiner Würde halte." – Ohne Widerrede, gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an, und es war ihm fast wohl, dass er von der Schwester Seite kam, zu deren Dienst ihn bloss sein voreilig gegebnes Wort, und ein besondres Zusammentreffen der Dinge bestellt hatten. – Der Wunsch, diesen unangenehmen Frohndienst ungesäumt abzutun, so wie auch nicht minder die leise Neugier, das Geheinmiss der Schwester vielleicht, wider ihren Willen, zu enträtseln, vermochten ihn, am folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen. Die Feier des Christfestes bot ihm hiezu die erwünschteste gelegenheit dar. Der prachtvolle Morgengottesdienst am Weihnachttage, begünstigt von dem schönsten kalten Wetter, versammelte im Dom die Fürsten der Kirche, die weltlichen Fürsten und an ihrer Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge. Ein nicht bis jetzt in Costnitz erhörter Prunk entfaltete sich bei diesem Anlass. Sigmund, ein wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Hauptaare und Bart, dessen Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war, so wie seine eifrige Bewerbung um Frauengunst, und seine vorstechende Eitelkeit, hatte sich mit allem Pomp umgeben, der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand. Alle Fürsten des Reichs, die gegenwärtig waren, halfen treulich dazu, um den vielen Fremden einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben. Herolde, Pannerträger, Musikbanden, glänzende Leibwachen, Edelknaben und Marschälle schmückten den Zug der Fürsten und edlen, und es war keine geringe Aufgabe, unter der Flut von Herren und Dienern Einen herauszufinden, von dem man nichts weiss, als den schlichten Namen. Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs haus verschaffte ihm Auskunft. Der Truchsess des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grünen Herren im Gefolge des Kaisers den Wildmeister von der Rhön. Dagobert stutzte bei dessen Anblick. Diese sanften Züge, diese bescheidne Haltung verrieten durchaus nicht den rohen Mann, der sich eine Freude daraus macht, sittsame Frauen zu kränken. In dem ganzen Äussern des in schönster Alters Blüte stehenden Wildmeisters fand der Beobachter nicht das Geringste, das seinen Auftrag und den Widerwillen der Schwester hätte rechtfertigen können. Unmutig, seines Versprechens Fessel sich aufgeladen zu haben, folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von der Rhön in dessen Herberge. Wenige Augenblicke nach dem letzteren trat er in's Gemach, das der Wildmeister bewohnte, und, wie sich's auswies, nicht a l l e i n bewohnte. Eine junge kindlich hübsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem Halse, ein Kind von zwei Jahren ungefähr lächelte ihm von dem Schoosse der Mutter entgegen. In dem engen Stüblein herrschte ein Geist der Ordnung und Reinlichkeit, der die Zelle einer Nonne nicht vorteilhafter hätte schmücken können. Eine Minute beiläufig stand Dagobert unschlüssig unter der tür, unbemerkt von dem zärtlichen Paare; aber des Wildmeisters Bärenfänger gewahrte den Fremden und gab laut. Der Herr von der Rhön ging – aufmerksam gemacht – dem jungen Cleriker freundlich entgegen, nötigte ihn einzutreten, und forschte höflich nach seinem Begehr. Dagobert's Zunge weigerte sich, den Auftrag, der ihn hieher geführt, in Gegenwart der jungen Frau kund zu