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. Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den durch Trautweins Vorsorge erwämten Ofen, und weinte nur von Zeit zu Zeit vor sich hin, teils im Andenken an die gute Gundel, teils im Bewusstsein des quälenden Hungers, den es verspürte. Ein Glück war es, das Gerhard in der tasche seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand, ein Gebäcke, mit dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte, .... zum Mindesten auf Augenblicke. Indem er jedoch mit sich selbst zu Rate ging, wie die esslustige Bürde vom Halse zu schaffen, und sein eigenes betrübtes verhältnis zu wenden sei, liess sich von Aussen ein schlürfender leiser Tritt vernehmen, und ein demütiges Pochen erklang an der eichenen schwerfällig verzierten tür. Gerhard öffnete schnell, und vor ihm stand Einer aus dem volk Abrahams. Seine Statur bot nichts Ausgezeichnetes dar, noch weniger seine Kleidung, die den wandernden Handelsjuden bezeichnend, in Schnitt, Farbe und Gestalt höchst unbedeutend erschien. Aber das Gesicht, das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem schlecht gefälteten Kragen heraussah, war auffallend genug. Ein nicht fern von den fünfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder, oder schwerer Erschlaffung, bleich und hager, war von Augen belebt, die, wenn gleich etwas klein, an Lebhaftigkeit und stechender Schärfe mit denen der Eidechse wetteiferten. Die kahle Stirne, von wenigen, dünnen und grauen Lokken besetzt, gab grossen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszügen, die wie die Schlangenwege eines Labyrints sich nach allen Seiten in merkwürdiger Verschlingung ausdehnten. Eine breite Narbe, die quer von dem rechten Schlaf sich über Wange und Nase herüberzog, bis zu dem linken Ohrläppchen, schied das Gesicht so zu sagen, in zwei ungleiche Hälften. Die Nase vorspringend und gebogen, zeugte von orientalischer Abkunft, und die Form des Mundes wäre gut geraten zu nennen gewesen, hätte sich nicht in der etwas hängenden Unterlippe jener, aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart, der nicht vermögend ist, einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzuteilen. Der Bart, kurz, kraus, grau und schwarz gemischt, passte zu dem Uebrigen. – Der Jude neigte sich untertänig vor dem Edelknecht, ohne ein Wort zu sprechen. – "Wer bist Du?" fragte ihn der Letztere barsch und kurz. "Was willst Du hier?"

"Was ich hier s o l l , möchte ich wissen, gestrenger Herr;" erwiderte der Jude mit unterwürfigem Tone: "Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch. Er sagte mir, Ihr könntet meine Dienste brauchen, und somit biete ich sie Euch an."

"Trautwein?" fragte Gerhard. – "Durch seine Empfehlung bist Du mir willkommen, insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansässig; denn ich fordre, dass Du schweigest."

"Gestrenger Herr Ritter;" versetzte der Jude wie oben: "Ich weiss zwar nicht, wie Ihr könnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner Glaubensgenossen hier zu Worms. Es sind die Besten von unsern Leuten, .. die schon vor der Geburt Eures Erlösers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt, und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias, der nur darum sterben musste, weil die Entfernung zu gross ist zwischen dem Rheinstrom und Jerusalem, und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spät gekommen ist, mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten. Nenn Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt, unsere hiesigen Brüder zu beargwohnen, so vertraut Euch mir. Ich stamme von Friedberg, und dieses Zeichen auf meinem Rocke mag Euch beweisen, dass ich nicht von hier bin, wo diess Schibolet in Vergessenheit geraten ist."

Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide, den jeder Jude in und um Frankfurt auf der linken Brust tragen musste. Gerhard, ungeduldig, die missliche Angelegenheit ins Reine zu bringen, machte dem Juden eine ausführliche Beschreibung seiner Lage, und verlangte ein Darlehen auf Wort, Schrift und Glauben. Seine eindringlichen Worte, seine ziemlich herrische Forderung verrieten wohl, dass er eine abschlägige Antwort nicht im Bereich der Möglichkeit vermute; um so mehr befremdete ihn das überlegende und durchaus nicht billigende Kopfschütteln seines Gegenübers. Nach langer Pause sprach der Jude endlich: "Seht, werter Herr. Wir halten auf das, was die Väter sagten und uns einprägten. Ben David, sagte der Meinige, dem einst das Paradies sei, öfters: Hüte Dich, grossen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort, auf das leere Geschrift hin zu vertrauen. Das Wort verweht der Wind, und das Papier zerhaut der Degen, der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt ist. Baare Münze lacht; ein gutes Pfand macht Mut. – Ich habs nun immer so gehalten, und Euch, lieber Herr, soll geholfen sein, wenn Ihr mir Bürgschaft stellt in Dingen von Gewicht und Wert, oder im Wort eines wackern Mannes, dem die Rechtschaffenheit wert ist, soll er sie auch nur gegen Juden beweisen."

"Da steckt eben der Knoten!" polterte Gerhard: "Auf Pfand und reichliche Bürgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen. Ich habe keine Kleinodien, nichts von Wert, als meinen Gaul, und von ihm trenne ich mich um keinen Preis." –

"Das glaube ich;" versetzte Ben David: "Das ist ein Pferd! Gott! ich habe Euch gestern reiten sehen