, meine Schwester?" fragte Dagobert. – Wallrade sah seitwärts und bezeichnete ihm durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Männer, die unfern standen, und ihre Blicke auf sie gerichtet hielten. – "Der Eine," sprach sie: "der in der bunten Kleidung, den Ihr schon einmal, wie mich dünkt, an meiner Seite gesehen, ist der Herr von Königseck, ein weibisch tuender Gesell, der von Rosmarinöl duftet, sich einschnürt, dass er einem Heupferde gleicht, und vor eitel Zierlichkeit nicht dazu gekommen ist, in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen. Der Andre, klein und unansehnlich, verwachsen und mürrisch vom Angesicht, trägt unter seiner hohen Schulter ein Herz voll Kühnheit, Tücke und leidenschaft. Er ist ein Graf von Montfort; beide Herren aber sind meine Freier; Beide vom oheim begünstigt; Beide mir verhasst; der Erste, weil er kein Mann, der Zweite, weil er hässlich und hochfahrend ist. Sie hätten sich sicherlich schon an mich gedrängt, hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht. Das Letztere danke ich Euch." – Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten hände, und liess im stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlüpfen, ohne den Bruder nur eines einzigen fernern Worts zu würdigen. Dagobert betrachtete sie verwundert von der Seite, und musste sich gestehen, dass diese stolze Schönheit wohl im stand sei, andre Männer zu berücken, als den Stutzer und den Missgestalteten, von denen die Rede gewesen. Zugleich aber bekannte er sich, dass die fromme Stimmung nicht mehr vorhanden sei, in welcher er Wallraden angeredet; dass das seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern, liess, eine Versöhnung eingeleitet zu haben, die nur um Gotteswillen, wie es schien, angenommen worden war. – Welch ein Weib! dachte er bei sich: jeder frommen Regung unzugänglich; die Härte ihres Gemüts sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend, und ohne Bedenken zur Schau legend! Nicht einmal die heilige Handlung beschäftigt sie in diesem Augenblicke, die Glockentöne, die der Menge das Zeichen geben, sich zu bekreuzen, die Brust zu schlagen, werden von i h r überhört. Gedankenlos lässt sie die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten; denn offenbar verweilt bei andern Gegenständen ihr Sinn, und bald furcht sich ihre Stirn, bald glättet sie sich; bald lächelt ihr Mund, bald seufzt er schwer auf, wie man zu tun pflegt, wenn man sich abmüht, der Seele einen Entschluss abzuringen, vor dem man sich selber scheut. – Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen; an deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit, da Wallrade, von den Donnertönen der Orgel umbraust, gelegenheit fand, dem Nachbar etwas Geheimes mitzuteilen. – "Ich will glauben," flüsterte sie sanfter denn zuvor, "dass das Bemühen aufrichtig ist, mit welchem der Jüngling Dagobert gut zu machen sucht, was der Knabe an der Schwester verbrach. Ich zaudre daher nicht, des Mannes Freundschaft anzunehmen, mit meinem Vertrauen zu erwiedern, und ihm Anlass zu geben, meinen Dank zu verdienen, so fern er mir zusagt, das Anvertraute zu bewahren wie ein Mann, nicht wie ein Plauderhaftes Weib."
"Zählt darauf, Wallrade;" erwiderte Dagobert: "ich könnte eines Zauberschatzes Hüter sein, Monden lang, ohne ihn durch ein einzig Wörtlein in Asche und Kohlen zu verwandeln. Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen, bin ich gern bereit zu tun, was Ihr verlangt, um nur Euer Vorurteil zu widerlegen."
"Vernehmt denn;" sprach Wallrade, vertraulich werdend: "Es langte heute in des Kaisers Gefolge ein Mann an, der sich schwer an mir verging. Dieser Frevel ist Euch gleichgültig, und somit verschweige ich ihn. Der Anblick dieses Mannes jedoch ist mir eine Folter, da ich mich nicht tätlich an ihm rächen darf, obgleich er mich sehr zu fürchten hat. Sehr; sage ich Euch: der Verdammte fürchtet nicht also seinen Henker. Ihn zu vertreiben aus meiner Nähe, den Beleidiger, ist mein einz'ger Wunsch, und, um diesen erfüllt zu sehen, spreche ich Euch, dessen offne Keckheit ich beifällig wahrgenommen, um hülfe und Beistand an."
"Wie kann ich aber mich in diess seltsame Beginnen einlassen?" fragte Dagobert verwundert. –
"Ein einziger Besuch ist hier hinreichend;" versetzte Wallrade. "Der, den wir meinen, heisst Rudolph Bilger von der Rhön, und ist einer von des Kaisers Jagdleuten. Zieht Kunde ein von seiner wohnung, sucht ihn heim, und sagt ihm dürr heraus: mein Wille sei's, dass er wieder von dannen scheide, da mir seine Anwesenheit Ärgerniss gebe. Diesem Begehren möge er auf's Schleunigste gehorchen, oder meines Tuns gewärtig sein. – Das ist Alles. Verspricht er, zu tun, wie ich begehre, so lasst ihn ruhig ziehen; weigert er sich, so fordert ihn vor die Klinge. Ihr habt den Mut dazu, doch gelobe ich Euch, dass es so weit nicht kommen wird. Keines weitern Eingehens in die Sache, nur meines Namens und eines befehlenden Tons bedarf's, um sicher den Zweck zu erreichen."
"Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewiss;" meinte Dagobert etwas verlegen: "Wie aber kommt es, Schwester, dass Ihr keinem Eurer Freier diesen Auftrag gebt?"
"Weil sie meine Freier sind," antwortete Wallrade; "