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bisher fruchtlos versucht hatte, ihnen Eisfesseln anzulegen. Des Jünglings heitrer blick schweifte über das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells, die in ihren Schneegewändern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwächter herabsahen auf die stolze Bischofsstadt. Alle Glocken des Turgaus, des Gallenstifts und der schwäbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied über des See's Spiegelfläche, auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt, wie eine Silberscheibe auf ebener Eisbahn. "Gelobt seist Du, Nacht des Heils;" sprach Dagobert mit demjenigen erhebenden Gefühl, das das einfachste Menschenwort zum Gebete stempelt: "Vor länger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben, schöner und sanfter als der Mondstrahl, der Dich heute erhellt. Aber noch jetzt, so oft Du wiederkehrst, senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hütte, wie in die stolzeste Fürstenburg der Christenheit. Du milde Nacht, den Unschuldigen hold und ein ersehnter Gast, schenke auch mir den Frieden, Deinen Begleiter. Schenke i h r dereinst Dein gnadenvolles Licht, i h r , die noch im Dunkel wandelt, damit ich jenseits sie wieder sehen mag, mit der hienieden keine Vereinigung mir erlaubt ist. Lenke das Herz derer, die mich hassen, zur Liebe und Versöhnung, und mache alle glücklich, die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten!" – Eine Träne zitterte im Auge des Betenden; er schämte sich ihrer nicht. Sein Herz war beklommen, aber nur von süsser, ruhiger Wonne. Keiner Schuld sich bewusst, kehrte er in die Stadt zurück, wo die Menge durcheinander wogte, wie am hellen Mittage. Alle Fenster waren hell erleuchtet; in dem erbärmlichsten Häuslein brannte ein kümmerliches Licht. Überall, wo Kindersegen daheim war, ragten dunkle Tannenbäume empor, mit den Früchten des Herbstes geschmückt und mit schwankenden Kerzen, die sich auf den Zweigen wiegten, wie die Vöglein des Waldes. Festlich geziert alle Stuben, Mohnklöse und Leckereien auf jedem Tische, Entzücken in jedem Kinderauge, wonnevoller Dank zum Höchsten in jedem Vater- in jedem Mutterblicke. Hier tummelten sich muntre Knaben um den hölzernen Gaul mit Federn geschmückt, und träumten sich zum ebenbürtigen Ritter, zu Schild und Helm geboren; dort tanzte der Mägdlein rotwangige Schar um den zierlichen Rocken, um die glatte Spindel, die das Christkind bescheert; hier brachte eine in Engelgewänder vermummte Dirne süsse Fladen und Mandelschnitte, dort sprühte ein Rutenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nüsse in's Haus. Allentalben aber regte sich die Lust, und die Erwachsenen schienen zu Kindern geworden zu sein, um kindlichen jubel zu teilen. Dagobert strich an den glücklichen Menschenwohnungen vorüber, sein Auge, sein Ohr ergötzend, und dachte, in Teilnahme versunken, kaum daran, dass er keinem Sohne, keiner Tochter das willkommne Christgeschenk werde reichen dürfen. Da überraschte ihn die Mitternachtsstunde, und von dem Turme der Domkirche riefen die Glocken zur Mette der heiligen Nacht. Das Menschengewühl der Stadt wälzte sich nach Klöstern, Pfarrkirchen und Dom. Den letzteren betrat auch Dagobert. Schon mischten sich einzelne Orgeltöne in das Summen der heranströmenden Betund Schaulustigen, die Kerzen an den Altären winkten schon wie flammende Zungen herbei zum nächtlichen Opfer. Um die Weihkessel an den Eingängen drängte sich das Volk. Dagobert reichte höflich mit dem gewöhnlichen Spruch: "Gelobt sei Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht," seine mit dem benedeiten wasser benetzten Finger einer edelgekleideten Frau, die vor dem Gedränge nicht zur Säule gelangen konnte, und verstummte überrascht. Seine Schwester stand vor ihm. An ihrer Seite, der breitstirnige Knecht, den sammetnen Kniepolster unter'm arme und das Windlicht in der Hand. Befremdet mass auch den Jüngling die finster blickende Wallrade, warf den Kopf in die Höhe, und drehte ihm den Rükken zu, langsam vorschreitend gegen den Altar, wo sie ihre Andacht zu verrichten beschlossen hatte. Dagobert schloss sich jedoch hart an die vom Gewühl Aufgehaltne, und sprach sanft zu ihr: "Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit freudiger Zuversicht. Auch unsre Eltern, Wallrade, haben die unsrige also begangen, begehen sie noch heute; der Vater auf Erden, lieb Mütterlein im Himmel. Wollen wir denn, die e i n e Mutter gebar, nicht endlich den kindischen Groll fahren lassen, der aus unsern Spielen stammt, und unser Grab feindlich zu beschatten droht, damit keine Blume der Liebe darauf erspriessen möge? Wollen wir nicht endlich den Zwist ersticken, das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause, das wahrlich nicht wuchern sollte in dem haus des ewigen Vaters?" – Wallrade stand aufmerksam stille, heftete die grossen Augen auf den milden Redner, und erwiderte: "Ich nahm Anteil an Euch, da ich nicht wusste, dass Ihr mein Blutsfreund seid. Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Züge fremd gemacht, aber der oheim hat mich erinnert, dass ich noch einen Bruder habe, den ich nicht einen Geliebten nennen kann; und dass derselbe hier lebe, erfuhr ich ebenfalls durch ihn. Weder Ihr, noch der Zufall haben etwas getan, das mein Vorurteil hätte mindern können. Liegt Euch indessen so viel daran, uns versöhnt zu sehen, so reiche ichder Seltsamkeit wegendie Hand dazu." – Sie winkte dem jungen mann, in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen, und raunte ihm, den Rosenkranz vom Gürtel nestelnd zu: "Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein in diesem Augenblicke gelegen; sie bewahrt mich vor schlimmerer." – "Wie so