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Sessionen: demütig hörte er Monsignore's Lehre an, geduldig, aber schnell, tat er die arbeiten des Cardinals ab; doch, war sein Nacken, sein Ohr wieder auf einige Stunden frei, so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer Freunde. Sein ernstes Kleid war überall willkommen, weil der Schalk, der gutmütige Schalk, darunter verborgen war; die Frauen und Dirnen der besten Geschlechter sammelten sich um ihn, den freundlichen Sänger, den fertigen Lautenspieler, den erfinderischen Mährleinschmidt; die Männer schätzten in ihm den geübten Reiter, den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter, und den unverzagten Zecher. Die Geselligkeit schmückte ihn mit ihren besten Kränzen, und seine Laune wuchs wie eine Pappel in wälschem Boden, schnell und hoch, dass bald in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde, als von Junker Fröschleins Schwänken. – "Recht so!" sagte ihm einst sein gönner, Herzog Friedrich: "was ich von Euch höre, gefällt mir wohl. Der Most muss brausen, der Bursch austoben; vorab, wenn er in die härne Kutte schlüpfen soll. Wie lange dauert's, so werden Eures Ohms Geschäfte allhier geendet und Ihr gemüssigt sein, ihm über die Berge zu folgen, hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte Paternoster betet. Dann werdet ihr werden müssen, wie sie Alle sind, aber wenigstens aus dem vaterland die Erinnerung einer kräftig freien Jugend mit Euch in's Grab nehmen, an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen dürfen. Lasst Euch drum nicht stören in Eurer Freudigkeit, so lange sie neben Sitte und Zucht bestehen mag, und hütet Euch nur vor lüsternen Weibern. Einen Haus- und Kernfluch verzeiht der liebe Gott, eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag, ein Rausch besser, denn ein Fieber; aber der Kuss einer falschen Delila stellt wahrlich eine scharfe Schere vor, die Manneskraft und Simson'shaar mit einem Schnitte verschändet. Desshalb erfreut sich auch unser allergnädigster Kaiser einer werdenden Glatze, und sein Leibscherer hat bereits, wie man vernimmt, alle Mühe, den Übelstand durch künstliche Verflechtung des Hauptaars zu verbergen. –"

Dagobert schwieg, lächelte aber im Stillen, über den leidenschaftlichen Spott, der, – im Übrigen dem biedern Gemüte des Habsburgers gänzlich fremdbeständig vorleuchtete, sprach er von Sigismund. Der Herzog fuhr indessen schmunzelnd fort: "Der gnädigste Herr wird, wie es verlautet hat, heute oder morgen zu Costnitz einreiten. Ein kluger Gedanke! Die Weihnachtsfeier wird uns demnach den Heiland der Christenheit bringen. Die friedenstiftende Majestät wird ihren Einzug halten, da man in den Kirchen singt: In dulci jubilo! – Es tut mir leid," setzte er rasch abbrechend hinzu, "dass ich zum Empfang des Herrn, Satteldecke und Steigbügel putzen muss, sonst fände ich wohl noch gelegenheit, mich länger mit Euch zu unterhalten, guter Dagobert!" – Der Letztere verstand diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung, die immer auf die steigende Galle des Herzogs deutete, und entfernte sich alsobald. – Da er jedoch heraustrat auf die winterlich beschneite Gasse, über die der dunkelblaue Himmel so eben seine ersten Sterne heraushing; da er über den Markt schritt, wo in Hütten von Holz und Segeltuch allerlei Spielwerk und Lekkerzeug feilgestellt wurde, zur Freude der Kinder, die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten, einer heitern Sitte gemäss; – da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mächtigern Gedächtniss der fernen Heimat und der entschwundnen Jugendjahre. Denn sie war wirklich unvermerkt herangekommen, die fröhliche Weihnachtszeit, der lichte Stern an trübem winterlichen Himmelszelt, das gemütliche fest; Eines von denen, die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar, das bürgerliche Leben mit dem Glauben an ein Göttliches, an ein Jenseitiges verbinden. – Eine freundliche Wehmut, die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt, weil ihre Pein lebensstärkenden Balsam bereitet, bemeisterte sich der Brust Dagobert's, und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hätten, brachte s i e zu Wege. Der junge Mann schloss sich ein in sein Gemach, fern vom Geräusch der Welt, und saugte an den Blumen der Erinnerung. Sein redlich Herz drängte ihn, diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern, wie es einem wackern Jüngling zustehe. Wie beklagte er es, dass ihm die Mittel nicht beschieden waren, das Glück eines Menschen zu gründen. Wie bedauerte er, dass er keinen Todfeind wusste, den er hätte versöhnt in die arme schliessen können! – Da fiel ihm plötzlich seine Schwester Wallrade ein, gegen die der beinahe vergessne Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war. – Ja, rief er nach kurzem Bedenken: Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten, und das feindliche verhältnis in ein freundliches umgestalten, und also den Christtag würdig begehen. Dazu helfe mir Gott und Ester's Gedächtniss; das Andenken des lieben, aber unglücklichen Mägdleins, der die Segnungen unsers Glaubens und seine erhebenden Feste unbekannt sind! – In seinem Stüblein brachte er die Stunde zu, bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte über Stadt und See. Nun litt es ihn nicht mehr im engen haus. – Das Geräusch des kaiserlichen Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte, war nicht vermögend gewesen, ihn seiner Einsamkeit zu entreissen. Der kalten Nacht gelang es, und verhüllt, wie ein Geist, schritt er nach dem Mauerdamm, an dessen Grundfeste die Wellen des Bodensees brausend anschlugen, des Frostes spottend, der