finsterm gesicht entfernen. Fiorilla hielt ihn jedoch zurück. "Grollt, mir nicht;" stammelte sie, nach Luft atmend: "Das Zusammentreffen ist zu seltsam und zu lustig. Man rede noch einmal von der stimme des Bluts, von angebornem Hass und Vorurteil, der auch mit verbundnem Auge seinen Feind erkenne. Diejenige, die Ihr meint, ist niemand anders als Eure Schwester Wallrade, die sich gewiss nicht träumen liess, dass es ihr gelingen würde, den abgeneigten Bruder in einen sehnsüchtigen Minneknaben zu verwandeln ......"
"Wallrade!" fragte Dagobert staunend: "Wallrade, das fräulein von Baldergrün? Der Name des Besitztums, das ihr Monsignore zum Geschenk machte;" erklärte Fiorilla. "Sie verabscheut ihren Geschlechtsnamen, da Eure Stiefmutter ihn führt."
"Törin! eitle, selbstsüchtige Törin!" rief Dagobert: "Wahrlich, lieb Bäschen, Ihr hättet mir keine wirksamere Arznei geben können, als mir der Name Wallrade wurde. Wo hatte ich meine Augen, dass ich, wenn gleich nach so langer Zeit, Diejenige nicht erkannte, die mir des Leid's viel, und Nichts zu Liebe getan. Toller, toller Zufall! Mich ergötzt es, dass auch s i e blind gewesen und mich nicht erkannt. Wie gut ist's, dass sich noch nicht die gelegenheit dargeboten, ihr den Hof zu machen. Wie würde der Hageprunk über meine Kurzsichtigkeit gespöttelt haben! Habt Dank, gute Fiorilla. Empfangt meinen herzlichen Händedruck für Eure Wohltat. Ich bin nun gesund, und kann über meine Narrheit lachen. – Er überliess sich auch dem ungebundensten Frohsinn."
"O des leichten, wandelbaren Bluts!" scherzte Fiorilla: "Ihr könntet mein Landsmann sein."
"arme Ester! Bei solchem Flattersinn wird Dein Gedächtniss schwinden, früh oder spät, wenn ich's gleich heute vor aller Gefahr zu schützen so glücklich war."
"Ihr bereut den Dienst doch nicht, den Ihr dem Judenmägdlein erwiesen?" fragte lächelnd Fiorilla:
"Ihr, die Nichte ... die Freundin eines rechtgläubigen Prälaten? Wahrhaftig, ich muss Eure Duldung bewundern, die Kirche, Gesetz und des Pöbels Eigensinn verdammen."
"Leider!" erwiderte Fiorilla seufzend: "Ihr möchtet leichtlich staunen, eine Wälsche, welche die Madame verehrt, also sprechen zu hören. Vielleicht wird Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswürdigen Ester erklärlicher, wenn ich Euch sage, dass ich keineswegs aus Cesena, sondern aus dem Ghelto zu Rom stamme, meine Eltern früh verlor, und durch die Milde Eures Ohms in eine Bekehrte verwandelt wurde."
Dieses überraschende geständnis kitzelte Dagobert's Zwergfell auf's Neue und Heftigste. "Hoho!" rief er, lachend wie ein Verrückter: "kann denn auf dem Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen, als mir? Es gränzt an's Mährchenhafte. Ich liebe eine Jüdin und meine Schwester, und meine Vertraute ist eine Neugetaufte! Nein, ich muss mich lossagen von solchen Banden, damit mir's nicht ergehe, wie den böhmischen Ketzern, und darum guten Abend, holdes Heidenkind!" –
Schnell hatte er einen Kuss auf Fiorillens Wange gepresst, und polterte lachend die Treppe hinunter. Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden Oheim, der ihn, Dank sei es der Dämmerung, nicht erkannte, aber durch ein halb ängstliches: "Wer da! wer seid Ihr?" festzuhalten dachte. "Ein Rabbiner, der von Euch bekehrt sein möchte!" brummte der Spottvogel im tiefsten Register, schob den Staunenden bei Seite, und entsprang.
Achtes Kapitel.
Weihnachtsfreude, Weihnachtslust!
Öffnest segnend jede Brust!
Nacht, die unsern Herrn geboren,
Zur Versöhnung auserkoren –
Du vereinest, die sich hassen,
Dass sie ihren Groll verlassen.
Doch, wie nur Dein Bann verweht,
Schnell die Schlange neu ersteht:
Und sie flieh' mit scheuem Bangen,
Die sich freundlich kaum empfangen!
W.
So wie der Meistersänger, dem es vergönnt ist, vor grosser Gesellschaft seine Kunst zu zeigen, – nachdem er die Ohren seiner Zuhörer mit den sanften Gesängen der Minne, mit schwärmerischen Balladen und klagenden Liedern ergötzt hat, – auf einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt, und die saiten rührt zum fröhlichen steirischen oder hungarischen Tanz, und eine Melodei nach der andern aufspielt, bis das junge Volk das Morgenrot herbeigestampft hat; .. also war Dagobert rasch und leicht seiner zufälligen Schwermut entoben, und schwamm wieder – mit Gerhard zu reden – wie ein lustiges Fischlein auf träglicher Lebensflut, unbesorgt vor Strudeln und Falle im weiten Bogen von dannen schleicht, also schlich er um Wallradens Haus, und war seelenfroh, dass sie ihm nicht wieder begegnete. Alle unfriedlichen Auftritte seiner Jugend waren ihm lebhaft vor's Gedächtniss getreten, und er konnte sich der ärgsten Dummheit schelten, dass er sein Schwesterlein schön gefunden, sie, die wie eine böse Nixe ihm alle Freude verdorben hatte, von jeher. An Ester dachte er freilich oft, mit sehnsucht und stillem Behagen, aber ... war sie nicht fern von ihm? nicht auf ewig von ihm getrennt? Darum schüttelte er alle sorge von sich, und lebte mit den Lebendigen, mit den Fröhlichen, deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren. Vergebens meisterte ihn sein oheim mit aller Strenge, vergebens überhäufte ihn der Erzbischof von Ravenna mit vielem unnützen Geschreibsel zum Behuf der vorzubereitenden