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dürft Ihr mir nicht sein, wohl darf ich Euch jedoch meinen Herrn nennen, dem ich zu eigen sein muss für und für.' 'Du musst,' versetzte ich lächelnd; 'warum? der Grund?' – Nun drückte sie meine Hand an ihren Busen, an ihre Stirne, dann von neuem an den Mund, und ich meinte, sie würde meine Finger versengen mit dem glühenden Hauche ihrer Lippen. Befremdet ob solch leidenschaftlichem Tun, richtete ich das Mädchen ernst auf, und sagte zu ihr im selben Tone: 'nicht wolle es sich länger ziemen, mit ihr auf freier Strasse zu kosen; ich sei bereit sie nach haus zu geleiten.' Sie wollte das nicht zugeben, und wir hatten den Streit nicht beigelegt, als eine lange grobe Gestalt um die Ecke tölpelte, mein Mädchen plötzlich stille schwieg, ihren Finger auf meinen Mund legte, und sich in den tiefsten Schatten des Vorsprungs zurückzog. 'Ester! Ester! wo steckst Du denn?' rief der ungebetene Gast mit rauher widerlicher stimme, in der ich gleich die des Buben erkannte, der mich auf dem Turniere beleidigt hatte. Nun juckte es in der Faust, aber ich bezwang mich, und gestattete es, dass die Gerufene sich völlig hinter mir verbarg. Der rotköpfige Knecht starrte mich einen Augenblick an, wich aber auf mein rauhes: 'Wer geht da?' scheu zurück, und näherte sich dem Gewühle der Löschenden, immer den Namen des Mädchens rufend. Wir schlüpften alsdann in die menschenleere Strasse, und gelangten unter freundlichem Kosen an Ester's Haus. Die Schatten des Hausganges nahmen uns auf. Hier fragte mich Ester, ob sie mich wiedersehen werde. Bald zum Letztenmale, antwortete ich, und vertraute ihr, ohne meinen Namen genannt zu haben, wie ich zum Dienste des Altars bestimmt sei. – Sie seufzte tief, fasste sich jedoch bald, 'Als Priester dürft Ihr Euch nicht verehelichen, nicht wahr?' fragte sie lebhaft. Kopfschüttelnd schwieg ich. 'O dann ist's recht!' sprach sie: 'Dann bleibt Ihr mein Gebieter, und ich Eure Magd, wenn uns auch weite Länder trennen. Dann werde ich nicht sterben vor Gram, Euch an der Seite einer geliebten Hausfrau zu wissen'. – 'Wie kannst Du meiner ferner gedenken,' fragte ich: 'meiner? des Priesters eines Glaubens, den Du hassest?'" – "'Denket das nicht,' antwortete sie: 'Ich hasse nicht Eure Lehre, nicht Euren Messiah.' – 'Wenn auch das wäre,' fuhr ich fort: 'so wird es, fürchte ich, Sünde sein, wenn i c h Dein Bild bewahre, das der Verläugenden?' – 'Ist das eine Sünde,' erwiderte sie schnell, 'so kommt zurück, wenn Ihr Priester seid, und tauft mich. An Eurer Hand gehe ich gern in Euer Himmelreich, ohne das ewige Jerusalem zu schauen'. 'Aber freilich,' setzte sie stockend hinzu: 'freilich müsste das erst geschehen, wenn der Vater tot sein wird, und der Altvater Jochai. Denn es würde ihnen das Herz brechen, und ich möchte sie gerne in Frieden dahinscheiden sehen.' – Dieser ungeheuchelte Beweis einer reinen Seele zog meine Lippen an die Ihrigen. Der erste und der letzte Kuss ward zwischen uns gewechselt. Herannahendes Geräusch scheuchte mich aus dem haus, und nimmer habe ich seitdem die Reizende gesehen. Ost trabte ich durch die Gasse, nimmer liess ihr holdes Bild sich mehr schauen, und mein Schicksal riss mich von dannen, ohne mir das Glück des Lebewohls zu gönnen."

Fiorilla trocknete eine Träne, und neigte sich dankend zu dem Erzähler. – "Wie soll ich Euch das Vertrauen vergelten, dessen Ihr mich gewürdigt? Ihr habt mir das geheimnis Eures Lebens geschenkt, ... ich kann Euch kein Ähnliches vertrauen."

"Vertraut mir nichts, Fiorilla!" unterbrach sie Dagobert ernst: "Ich bin Euch zu hold, als dass ich Euch vor mir erröten sehen möchte. – Bedauert hingegen mein Missgeschick," fuhr er, muntrer werdend fort; "das mich beinahe zwingt, das Andenken, das ich treu bewahrte, aufzugeben für ein Andres. Ich hätte meinem Herzen nicht so viel Wankelmut zugetraut; der Flattersinn muss im Blute stecken. Ein ander Frauenbild hat mich schier betört; Ester und dieses holde Weib streiten in meiner Brust, und dennoch ist Keine auf Erden mir bestimmt und erlaubt."

"Verwahrt darum Euer Herz;" entgegnete Fiorilla schelmisch: "Wer ist aber die, die ihr zu lieben besorgt? Erleichtert Eure Brust. Ich wage nichts bei Eurem Bekenntniss, da Ihr mir schon versichert habt, ich sei nicht im stand, Euere Empfindung in Aufruhr zu bringen. Ihr wagt noch viel weniger, denn das Wichtigere habt Ihr mir schon entdeckt." –

Dagobert erklärte sich auch scherzend bereit, und erzählte das Nachspiel zu dem Abenteuer auf der breiten Strasse, wo er den gefangnen Huss gegen die Roheit seines Beleidigers verteidigt hatte. Und da er nun die Gestalt seiner neuen Huldin, wie das Haus beschrieben hatte, in das sie gegangen, so warf sich Fiorilla lachend in den Polstersessel zurück, und vermochte im Anbeginn, auf alle fragen Dagobert's nichts anders zu erwiedern, als eben das schallendste Gelächter. Der junge Mann stand endlich verletzt auf, und wollte sich mit