1827_Spindler_093_42.txt

und die Liebe für den oheim zu begehren. Auch denkt Ihr nicht daran. Daher darf ich Euch frank und frei vertrauen, dass Euer Scharfsinn den rechten Zweck getroffen, indem Ihr von einem verlassenen Lieb spracht, und von dem Gedächtniss an dasselbe. "Wenn Ihr's erlaubt, und nicht dem Oheim, mindesten nicht mit ärgerlichen Zusätzen, das Gesagte wieder sagen wollt, so möchte ich wohl meinem Herzen Luft machen durch ein frei Bekenntniss, auf die Gefahr hin, von Euch gescholten oder ausgelacht zu werden, denn die Historie meiner Liebe ist nicht die gewöhnlichste." – So schnell, auch die ersten Worte Dagoberts Fiorillens Antlitz mit Unmut beschattet hatten, so schnell erheiterte dasselbe des Mädchens natürliche Herzensgüte, und die dem Geschlechte eigene Neugier und Teilnahme an Sachen der Minne. "Sprecht!" versetzte sie: "Freundschaft gelobe ich Euch, und Bewahrung Euers Vertrauens. Nicht dem Schilf am See, nicht dem verschwiegenen Ofen will ich gestehen, was ich von Euch erfahren soll, sei es eine Wahrheit oder gefällige Lüge!" –

"Keine Lüge, Mühmlein von Cesena;" versicherte Dagobert, "die lautere Wahrheit hingegen. Hört aufmerksam zu. Es mögen ungefähr zwei Jahre verflossen seinnein; zu nächsten Frühling werden es zwei Jahre; da gab der Rat unserer Stadt ein grosses Kampfspiel auf dem Römerberg, zu dem alle gute und ebenbürtige Leute aus Stadt und Gegend geladen waren, und auf dem die altbürgerlichen Geschlechter mitstritten zu Pferd und zu Fuss." Es wäre mein Tod gewesen, hätte ich mich von solchem stattlichen Rennen ausschliessen sollen. Ich stach daher auch mit, in Stahlhaube und Panzer, und ritt meines Vaters tollstes Pferd, Trotzteufel genannt, das seines Gleichen sucht in Stärke und Unbändigkeit. Ziemlich eitel von Geburt, suchte ich meinen Stolz darin, den Gaul zu reizen mit Sporn und Zügelriss, dass er stieg, wieherte, sich herumwarf im Kreise, und endlich, hinten und vorne ausschlagen, zu bocken begann, dass allen Zuschauern hören und Sehen verging, und Sand und Kies hinaufsprühte zum Altan, wo die Stechgrafen sassen und die Frauen. Da ich mein Mütchen gekühlt hatte, und mich wendete, um gegen meinen Mitkämpfer anzusprengen, so hörte ich unfern von mir, von den Schranken herunter, ein boshaftes Gelächter schallen, und ersah einen hässlichen Kerl, der, in seiner ritterliche Tracht auf dem Geplänke sitzend, wie toll aufwieherte über meine Reiterkünste, während alle übrigen Zuschauer sie bewunderten. Ich drohte zürnend dem geputzten Wicht mit der Faust, und dachte er würde Ruhe geben. Statt dessen zieht mir der Bube eine boshafte Fratze. Darüber entrüstet, winkte ich schnell den Trompetern zu schweigen, meinen Gegner nicht anzusprengen; reite darauf gestreckten Zuges an die Planken hin, und schlage dem rotaarigen Tölpel, – der das Turniergesetz verletzte, das jede Beleidigung und Störung der Kämpfenden verpönt, – mit der Glane dergestalt über die Affennase, dass er von seinem Sitze herab in den Strassenkot purzelt. Da er ohne einen laut von sich zu geben, noch irgend eine Urkunde seines Lebens dahinstürzte und liegen bleibt, gewinnt das Mitleid schnell bei mir die Oberhand. Ich schwinge mich, des Panzers ungeachtet, schnell vom Pferde und über die Schranken, und springe dem Elenden bei, der von neugierigen Zuschauer aufgehoben worden war. So wie ich aber dem Burschen das Wamms lüfte, schlägt er die Augen, auf, und stösst mich mit der geballten Faust zurück, wie ein Wahnsinniger schreiend: "Fort! rühr mich nicht an, verfluchter Goi!" Durch diesen Ausruf verriet er sich als einen Juden, und weckte auf's Neue meinen Zorn und den aller Umstehenden. "Ein Jude!" brüllte der Haufen, und hundert Fäuste erhoben sich drohend, denn es ist jedem aus dem volk Abrahams streng bei uns verboten, einem feierlichen Spiele zuzusehen, weil der missgünstige blick des Zuschauers schon zum Schaden wirken kann, geschweige erst die tückische Zauberformel, deren sich oft die Juden bedienen sollen, um den Christen jede Lust in Leid zu verkehren.

"Das ist wohl ein Aberglaube!" meinte Fiorilla, und fuhr etwas verlegen mit dem feinen Tüchlein über die errötende Stirne.

"Möglich!" versetzte Dagobert, gleichmütig: "Ich sage nur, was uns von Kindheit an Amme, Eltern und Schulmeister einprägen. Genug; dem Rotkopf bekam seine Neugierde übel. Ich konnte mich vor Wut, von einem Juden misshandelt worden zu sein, nicht fassen". Rechts und links schmetterte ich mit dem Blechfäustling dem Buben in das hässliche Angesicht, und das Volk riss indessen die prächtigen Kleider in die er sich verkappt hatte, in Stücken. So hatten wir ihm eine gute Strecke von dem Schrankewerk hinweg das Geleite gegeben, als plötzlich einige alte Juden aus ihrer Gasse herbeieilten, sich darein mischten, den Bestraften ihren Freund und Verwandten nannten, und uns bei allen Verdiensten der Erzväter beschworen, inne zu halten. Ich wäre wenig geneigt gewesen, dem Geschrei und Gejammer der Langbärte nachzugeben, hätte nicht mit einem Male eine seidenweiche Hand meine drohende Faust aufgehalten, und eine zarte stimme zu mir emporgefleht. Verwundert blickte ich hernieder, und sah ein jüdisches Mägdlein vor mir stehen, in reizlose Tracht gekleidet, so wie diess Volk gewöhnlich auf der Strasse gesehen wird. Verächtlich stiess ich sie von mir, und wollte dem Haufen nach, der sich mit dem Misshandelten und seinen Fürsprechern einige Schritte von meiner Seite gewirbelt hatte, da hielt mich