1827_Spindler_093_41.txt

.

Siebentes Kapitel.

In Treuen fest

Wär' wohl das Best',

Doch hältst Du es nicht fast in Ehren:

Du Minnedieb,

Der Du zum Lieb

Nur, was Dir nicht ziemt, willt begehren!

Fastnachtspiel.

Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im haus seines Oheims blicken lassen, und wurde doch von dem letzteren, wie von dessen Freundin Fiorilla sehnlichst erwartet, wenn gleich aus verschiednen Beweggründen. Sein endliches erscheinen nach dem sonntäglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden Seelen. Zum grossen Befremden des Jünglings schien weder der geistliche Zuschnitt seines Rockes, noch die ernste gesammelte Miene, mit der er eintrat, einen besonders günstigen Eindruck auf den Prälaten zu machen. Im Gegenteile: Er bewillkommte den Neffen finster und kalt; Fiorillens bedeutende Geberden und scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm. "Ist es also," – begann Monsignore, nach langer ungewisser Pause, – "ist's also, dass man sich vorbereitet zu dem heiligen stand, den man zu ergreifen gedenkt, nach Gottes und des Oheims Willen? Schäme Dich dessen, was ich von Dir vernehmen musste!"

Dagobert fragte schüchtern nach der Sünde, die er begangen haben sollte.

"Du willst nicht wissen, Dich nicht entsinnen?" rief der Prälat: "verstockter, unbussfertiger deutscher Tollkopf! Ich will Dir erklären, was ich meine: Ein Jüngling von altbürgerlichem Geschlecht, zum Dienst der alleinseligmachenden Kirche bestimmt, in ihr Friedenskleid gehüllt, wird auf offener Strasse ein faustfertiger Klopffechter, des Pöbels Widerpart! Um einen Ketzer zu verteidigen, schlägt er einen Christen zu Boden! Das kann nur ein Deutscher tun, der ein gewaltig zahmes Herz lügt, und, diess seinem Gegner zu beweisen, demselben kaltblütig eine Handvoll Haare, ein halbes Dutzend Zähne oder ein Auge ausreisst. Schäme Dich, bereue, und bitte sogedachte Frevel dem Herrn der Heerscharen ab. Noch einmal ein Wort für den Ketzer verloren, – noch einmal zu seinen Gunsten die Faust gezückt, und ich ziehe meine Hand von Dir ab. – Keine Einwendung! Ich weiss wohl, dass Ihr in Deutschland selbst im Chorrock das grobe bäurische Wesen nicht ablegt, das Ihr adelich Tun nennt; dass Eure Bischöfe und Stiftsherren sogar zu Gaule steigen, und Eure Turneien und Ringelrennen mitmachen, als wüssten sie nichts anders zu treiben, als solche sündliche Lustbarkeiten. An Dir jedoch will ich diess Unheil nicht erleben. Bereue demnach, und begib Dich in Demut hinweg, um Dich vorzubereiten auf den Besuch, denn Du Morgen bei Sr. Eminenz dem Erzbischof von Ravenna ablegen wirst. Ich tafle heute bei dem hochwürdigsten Herrn, und will den gerechten Zorn, den er gegen Dich empfindet, welchen ich bereits seiner Gunst empfohlen, in die gewohnte Milde umzustimmen suchen. Doch tue ich dieses nur diess Erste- und Einzigemal; wohl zu merken. Entferne Dich! –"

Dagobert nahm die Predigt stillschweigend hin, verliess ebenso das Gemach, und wurde von Fiorillen, die seiner auf dem Vorplatze wartete, unter Bedeutung der völligsten Heimlichkeit in ihre stube gewiesen. – "Monsignore hält seinen Imbiss heute auswärts;" flüsterte ihm die Schlaue zu: "bleibt bei mir zu gast, und rührt Euch nicht, bis der oheim von dannen ging." – Dagobert liess das Mädchen lächelnd gewähren, und verschmähte die leckre Kost an dessen Seite nicht. Nach einer langweiligen Stunde verliess der Oheim das Haus, und Fiorilla rüstete die Tafel mit ausgesuchter Zierlichkeit. Die speisen wurden durch sie selbst heraufgeschafft, der umherlauernde Diener mit einem Trinkgeld vergnügt, und in's Weinhaus gesandt; die tür verschlossen, und Base und Vetter setzten sich in friedlicher Einsamkeit zu dem Mahle, geschmückt von den Kränzen der Ceres und des Bacchus. Fiorilla hätte nicht ungerne den kleinen heidnischen Gott, der gewöhnlich die Dreizahl voll macht, mit in die Gesellschaft gezogen. Aber umsonst. So freundlich ihre Worte und Geberden den kleinen Schalk einluden, so blieb er doch aus; er scheute sich vor Dagobert's Unempfindlichkeit, die, im Anbeginn unter der gleissenden Larve des unbefangensten Frohsinns verborgen, gegen Ende der Mahlzeit in ein nachdenkliches Schweigen überging. – Fiorilla's Spott rüttelte ihn aus demselben. "Da plaudre ich nun, und plaudre mir die Zunge lahm," rief sie schäkkernd: "und Ihr sitzt da, wie aus Holz geschnitzt. Bekennt, was Euch so fühllos gegen die Rede einer jungen muntern Dirne macht, die Euch für ihr Leben gern gefallen möchte. Was ist's, das Eure Lustigkeit dergestalt herabstimmen konnte?" Ist's die Busspredigt Eures Ohms, so schlagt sie Euch kühn aus dem Sinn. Er ist auch kein Heiliger. Ist's die Erinnerung an ein verlassenes Liebchen, so vertraut Euren Kummer meiner uneigennützigen Freundschaft. Oder wäre es vielleicht die Bewerbung um meines Herzens Gunst, die Euch auf der Zunge sitzt, und mutlos, nicht sich auszusprechen wagt ...? nur keck heraus damit. Wer weiss, sagte ich: "Nein" darauf.

Dagobert, ohne einen Augenblick in Verlegenheit zu geraten, sprach nach kurzem Besinnen: "Lieb Bäschen! des Oheims Donnerworte sind mir schon nicht mehr im Gedächtniss", bekümmern mich folglich keineswegs. Ich hörte, so zu sagen, eigentlich gar nicht auf sie. Eben so wenig denke ich um Eure Gunst zu freien. Soviel ich deren bedarf, um in Euch die uneigennützige Freundin zu schätzen, habt Ihr mir bereits zugewendet. Ein Mehreres verbietet mir mein Stand