plaudert nicht lange!" drängte Gerhard, und schob ihn zur tür hinaus. Alsdann fing er wieder seine gewöhnliche Rennbahn in der stube an, rieb sich die hände, die Stirne, brummte einen Fluch nach dem andern, und schwor sich zu, in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen, seine Zeche immer nach der Habe zu richten, oder, ... wollte er einen Wirt prellen – die Sache gescheuter anfangen. Ein leises Schluchzen und Weinen unterbrach den Lauf seiner Gedanken, und da es sich hinter den Vorhängen des mächtigen Himmelbetts vernehmen liess, so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an den Knaben, den er gestern aufgenommen, siedendwarm auf die Brust. Er eilte zum Lager, und sah das vier- bis fünfjährige Kind aufrecht sitzend, und eng in den groben Mantel gewickelt, aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte Kindskopf, mit blauen von Tränen überfliessenden Augen. Der Knabe fuhr etwas zusammen, da er das kupferrote mit dichtem Bart versehene Gesicht seines Findelvaters gewahr wurde, aber bald beruhigte er sich wieder in etwas, da er sich deutlich erinnerte, dass ihn derselbe Mann gestern von der offenen Strasse genommen, und den Müden erwärmt, aufs Lager gebracht hatte. Er streckte ihm die kleinen arme bittend entgegen, und sah ihn mit einer Wehmut an, die ihm fast das Herz abzudrücken schien. Der rauhe Hagestolz fühlte sich gerührt und angezogen von der hülflosen Unschuld des Kindes, und nahm es, in Mantel und Decken gehüllt auf seinen Schoos. "Komm her," sprach er, "und lass uns vernünftig reden, mein Junge! Wir haben gestern Abend nur flüchtige Bekanntschaft gemacht. Heute wollen wir's einbringen. Wie heissest Du, mein Kind?" – "Hans!" antwortete der Knabe mutig und vernehmlich. "Und Dein Vater?" – "Ich habe keinen mehr." – "Doch eine Mutter hast Du?" – "Ja, die Mutter und die Gundel." – "Wie nennt sich Deine Mutter?" – "Ich weiss es nicht." – "Wo wohnt sie aber?" – "Ach, weit, weit von hier!" – "So? demnach nicht hier in der Stadt?" – "Wir sind drei Tage gefahren, bis wir angekommen sind. No ist denn aber die Mutter?" – "Ja, wenn D u das nicht weisst ..." – Der Knabe schüttelte traurig den Kopf. "Sage mir doch, Hänschen," fuhr Gerhard neugierig fort: "Wie lange bist Du denn hier?" – "Ich heisse nicht Hänschen," versetzte der Knabe: "Hänschen hat vier Füsse, und ich habe zwei; darum heisse ich Hans. Hänschen ist aber zu haus geblieben. Wirst Du mich wieder heimbringen, fremder Mann?" – "Wenn ich weiss, wo Deiner Mutter Haus steht, mein Knabe." – "Ach, es ist fern, recht fern. Wir haben dreimal geschlafen, ehe wir gestern in der Nacht ankamen." – "Wie kamst Du denn auf die Strasse?" – "Ich weiss es nicht – auf dem Wagen schlief ich ein, und auf der Erde bin ich aufgewacht. Ach, wie war es so kalt, da Ihr mich aufnahmt. Die Mutter muss mich verloren haben." – "Wie war die Mutter gegen Dich?" – "Böse, lieber Mann, immer böse und finster. Aber Gundel ist herzensgut, und zu ihr möchte ich lieber als zur Mutter, und auch zu Hänschen lieber als zur schwarzen Mutter." – "Zur schwarzen Mutter? Warum nennst Du sie so?" – "Sie ist immer schwarz gekleidet, und hat so dunkle Augen; aber Gundel hat helle, und geht immer grün oder rot. Hänschen ist weiss und braun." –
Der Junker schüttelte bedenklich den Kopf, und zweifelte nicht mehr daran, dass der Knabe mit Vorbedacht zurückgelassen worden sei, auf der Durchfahrt durch die Fremde, im nächtlichen Dunkel verhüllten Stadt. Aus dem Knaben war übrigens nichts herauszubringen, als dass der Mutter Haus auf einem Hügel stehe, unfern von einem Strome, dass viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nähe befinde, und nicht allzuweit eine Stadt, in der sich das Kind besann, vor einiger Zeit gewesen zu sein, zur Zeit eines Jahrmarkts. über den Namen seines mütterlichen Hauses, des Stroms, der Stadt, war er in wahrscheinlich geflissentlicher Unwissenheit erhalten worden. Fern von Jugendgespielen und gefährten seines Alters kannte er niemand, als die schwarze Mutter, die er nicht liebte, die freundliche Gundel, nach der er sich sehnte, und das vierfüssige Hänschen, das er am schmerzlichsten vermisste. Gerhard ersah aus Allem, dass ihn seine, grösstenteils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie verwickelt hatte, und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war, die er bei der äussersten Beschränkung seiner Lage nicht auf die Dauer würde tragen können. Eine plötzliche Vermutung ergriff ihn; und er durchsuchte die Kleider des Kindes nach Geld oder Kleinodien, die vielleicht dem Finder als eine Entschädigung zugedacht sein möchten; doch war sein Bemühen umsonst. Keine Blechmünze, kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden. Ausser dem höchst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich. Unmutig stellte er den Knaben nieder, und ging, von Neuem gegen sein Geschick grollend, auf und ab