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der die Augen des volkes auf sich zog, bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin, wohnte er gleich in keinem Palaste. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Böhme, Johannes Huss, der Prediger, einer neuen Lehre, welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des Papstes vertrauend, sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden hätte, seinen Glauben vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu verteidigen. Die frommgläubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging, aber der Zauber des Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschützt, und seine schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Wenn er sein Haus verliess, grüssten ihn die Bürger freundlich, die Kinder hingen sich an seine Hand, und horchten aufmerksam auf seine milde Rede, wurde sie gleich in ungelenkem Deutsch gegeben. Diese anhänglichkeit, die sich so unumwunden zu äussern begann, wirkte widrig auf die Feinde des böhmischen Predigers, und vermochte sie, die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu benützen, und ihrer Rachsucht den Zügel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt tue. Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, dass nicht die Ahnung, davon nach aussen gedrungen wäre. Hussens Freunde, seine von dem König Wenzesla ihm mitgegebnen Wächter, die edlen von Chlum und Lanzenbrock wurden gewarnt; er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu sein, aber sein unbegränztes Vertrauen auf Gott und Fürstenwort, – ein Bürge seines grossen Herzens, – liess ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung übersehen. Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhören, die von mehreren mit der Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinälen gegen ihn eingeleitet worden waren, und er ahnte nicht, dass auf einem dieser Gänge das Unglück riesengross auf ihn einschreiten würde.

Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer geringen Unpässlichkeit genesen, sass am halb geöffneten Fenster seiner wohnung, um die sanft erwärmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen. Vor ihm stand Herzog Friedrich von Östreich in eifrigem Gespräch begriffen. Sein Auge blitzte, und die Rechte ruhte mit stolzem Bewusstsein auf der Brust.

"Meine Quellen lügen nicht;" sprach er heftig: "Wenn ich Aufpasser aufstelle, so zahle ich königlich, und mir dient man besser, als dem Kaiser, der immer nur das Geld vonnöten hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf Fürstenehre, ... sie vollführen's, ist's nicht heute, so ist es morgen ganz gewiss."

Der Papst wiegte bedächtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu, und trat vertraulich zu dem Herzog.

"Lasst, lieber Sohn, die Schranken der Förmlichkeit zwischen uns fallen;" sagte er mit so anmutiger Miene, als sie sein fnistres Gesicht nur zuliess: "Ihr gebt demnach den Huss verloren?"

"Unwiederbringlich;" erwiderte der Herzog, "die Cardinäle sind darüber einverstanden, glaubt mir's."

"Hm!" meinte Johann: "im grund ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen. Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nötig ist. So lange wirdas sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese notwendigkeit nicht einsehensoll auch ein gemeiner böhmischer Pfaffe das Maul nicht unnütz auftun."

"Vergebt, heil. Vater;" antwortete der Herzog, "notwendig ist ein Umguss allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten."

"Lasst das;" versetzte der Papst achselzuckend: "Wenn aber der Böhme ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserm Wort, das, wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit?"

"Mit Sigmund's Worte steht es schlecht, wie immer;" erwiderte Friedrich spöttisch: "Den Luxemburger kümmert ein Treubruch nicht, er ist aus einem Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Ueberfluss hat. – Euer Wort könnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von dem Ihr ohnehin nichts gewusst."

"Wird aber die Welt es glauben, dass wir um unsrer Kardinäle Tun nichts gewusst?" fragte der Papst bedenklich.

"Ohne Zweifel;" äusserte Friedrich kalt: "Sie sieht schon jetzt in Euch nur den Gefangnen Eurer eignen Kirche."

"Wie?" rief Johannes.

"Nicht anders", bekräftigte der Herzog wie oben: "Täuscht Euch nur selber über Eure Lage nicht. Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht, die Euch umgibt, seid Ihr wenig anders daran, als der rebellische Ketzer Huss. Droht Euch gleich nicht der Scheiterhaufen, so hängt doch ein verdammend Urteil über Euerm haupt, wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem Übel wehrt. Denkt selbst, heil. Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger des heil. Petrus, der dem Kaiser gehorsam gegen Deutschland folgt, wo dieser für gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der untätig hier auf denselben Kaiser wartet, der i h n hätte erwarten und empfangen sollen; ein Stattalter Jesu Christi endlich, der Nichts von dem weiss, was die um ihn versammelten Priester beschliessen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mitteilen. Was folgt aus Allem dem?"

"Ihr habt Recht, lieber Sohn;" entgegnete der Papst bekümmert: "O die böse, böse Zeit!