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's die sorge für dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt."

"Freilich;" bestätigte Dagobert mit verstelltem Ernst: "Ihr müsstet nicht halb so gewissenhaft sein, werter oheim, als Ihr wirklich seid, um solches zuzugeben. Ich weiss mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bäschen, dem Blümlein Tausendschön, ... weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ... aber die Sitte leidet's nicht; ... in Deutschland mindestens nicht, aber ..." hier schwieg er heimlich lächelnd stille.

"Aber?" fragte Fiorilla mutwillig. "Aber?" wiederholte der Prälat neugierig, und gedehnt.

"Aber wollt ich sagen," fuhr Dagobert fort – "das wird sich schon geben, wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in Euerm Haufe mir das Öffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwürdiger Oheim! träumt von mir liebe Base!"

Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten wälschen Weine aufgeregt, von dannen, und dachte unter der tür des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen, aber indem rief des Prälaten befehlende stimme: "Fiorilla!" und mit einem leise geflüsterten Lebewohl: "Addio carino!" flog, sie in das Speisegemach zurück.

"Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!" sprach der Prälat mit gefalteten Händen: "Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und vorlaut; und säuft und ist grob wie ein ächter Deutscher."

Fiorilla verlor kein Wörtlein, sie schmunzelte aber für sich; versäumte nicht unter dem Aufräumen, am Spiegel sich vorüberzudrehen, und strafte in Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen.

"Und der Fastnachtsnarr will Priester werden," fuhr der Prälat fort.

"Er will nicht, aber er soll und muss;" schaltete Fiorilla ein.

"Ganz recht; er soll!" versetzte Monsignore: "Aber Gott behüte uns in Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird: Besser wär's, es wäre niemals angezündet worden."

"Gleich tausend Andern!" kicherte Fiorilla vor sich hin, und fütterte den Sittich mit Honigbrod.

Sechstes Kapitel.

O Johannes Huss!

Armer Dominus!

Seufzest Ach und Weh,

Armer Domine!

Wärst Du doch daheim geblieben!

Dein Geleit war falsch geschrieben;

Ob's der Kaiser selbst verspricht,

Hält man's doch dem Ketzer nicht.

Volkslied jener Zeit.

Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die grösste die jemals statt gefunden, zeigte sich bereits in ihrem Anbeginn glänzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt des Reichs, Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte, wo seine Krönung vor sich gegangen war. Der Anteil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten Concilium nahm, war unbeschreiblich und um so natürlicher, als Jedermann von der notwendigkeit einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig überzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zählte, statt Eines Stattalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen Parteien erwählt, erbittert gegenüber standen, und durch ihr Beispiel, wie durch ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen aufreizten, und dem Sittenverfall der Priester müssig zusahen, teils weil sie zu schwach waren zu widerstreben, teils weil sie die Verirrten durch sträfliche Nachsicht für ihre Zwecke zu gewinnen hofften, teils endlich, weil sie nicht besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Länge dauernde Ärgerniss, dieses empörende Schauspiel, das drei Afterpäpste der Welt gaben, musste geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen, noch der stolze Benedict XIII., der in Arragonien auf den Schutz des Königs trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen herabgewürdigte Gregor XII. waren zum gütlichen Vergleich, zu Entsagung und aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschäft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Missbrauch, der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebräuche und zur Ablassbude machte; aber diese laute Missbilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apatie zu wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine Teilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene grosse begebenheiten, die gewöhnlichen Vorläufer von wichtigern, spornten endlich seine Tätigkeit: Hussens Umtriebe und kühne Eingriffe in Böhmen, der Osmanen heranflutendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trümmer des Griechenreichs kaum noch hervorsahen. – Mit den unerhörtesten Anstrengungen, mit persönlichen Aufopferungen, die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich nicht ziemten, aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden, brachte derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII., die ersehnte Kirchenversammlung zu stand, und vereinte zu Costnitz die englische, italiänische, französische und deutsche Nation zu allgemeiner Beratung. Der Papst Johannes, auf die Gültigkeit seiner Wahl sich stützend, erschien selbst auf dem Concilium. Ausgezeichnete Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schlossen sich an die ungeheure Zahl von Geistlichen aller Würden, von Doktoren und Meistern der freien Künste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht herbeiführte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die grossen Sitzungen in person eröffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche zu Woche verzögerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern Gegenständen. E i n Mann war es besonders,