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da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzählen. Gib mir noch einmal die Hand. So! bist ein hübscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbteil unsers Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der niedergeschlagene blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof reiten wolltest, und nicht nach Wälschland in das Bartolomäistift."

"Vergebung, oheim!" scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen Überkleid des Prälaten: "Das ist eben auch nicht das Klostergewand."

"Hm!" lächelte der Oheim selbstgefällig: "Die Klausur und Regel ist nicht mehr für den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und dürfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in der Fremde, mit päpstlichem Dispens."

"Hier in der Fremde?" wiederholte Dagobert: "Ei, lieber oheim, Ihr seid ja hier im vaterland."

"Welch Geschwätz!" entgegnete der Prälat, das Gesicht verziehend: "Wo ist des Priesters Vaterland? Da, wo der Stattalter Christi wohnt und herrscht mit den Fürsten seiner Kirche. Und wär auch dieses nicht, so braucht man nur einen Fuss nach dem gelobten land Italia gesetzt zu haben, um sich fürder keine andre Heimat zu wünschen. Wahrlich, hätte nicht die Pflicht geboten, nimmer wäre ich zurückgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm trüben Winterlande erstickt mich der Husten. Dort gehe ich durch helle geräumige Städte, hier versinke ich im Morast enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Dörfern nicht schlechter hat. Dort trinke ich köstlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse herrliches Obst, Geflügel und fisch. Hier quäle ich mich mit abscheulichem Krätzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wächst, und kalt und rauh ist, wie Eure Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzäpfeln und sauern Trauben. Dort höre ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der lieben Engelein. Hier musst ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen- und Hahnengeschrei anzuhören, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich verständlich machen will, und muss noch von Glück sagen, wenn ich nur dann und wann von ferne ein deutsches Lied singen höre, das gewöhnlich nicht anders klingt, als wie eine knarrende tür, deren Angeln des Öls ermangeln, und zu welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende höllische Pommer, die beste Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer schlechten Küche, von Eurer unflätigen Zechlust reden, nicht von Euren unbequemen Häusern, wo man sich einrichten muss, wie Figura zeigt, das heisst, wie ein Bauer in seiner Lehmhütte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und erbärmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Missgestaltungen sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, dass Du, um mir wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst würdig zu werden, die grobe deutsche Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast."

"Hm!" versetzte Dagobert lustig: "Das Letztere ist bald getan, denn der Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so schnell gehen. Mir ist vaterländische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, dass es gewaltiger Mühe bedürfte, sie sammt den Wurzeln herauszureissen."

"Wie heisst das deutsche Sprichwort?" fragte der Prälat: "Das eine Vernünftige unter tausend Albernen?" "Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's nicht an Mut gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische."

"Das wird mir nicht schwer fallen," scherzte Dagobert, dessen schelmisches Lächeln, wie der verstohlne blick auf die Leibesfülle des Oheims dem letzteren nicht entgingen.

"Hm!" sprach dieser mit aufgeworfnem mund: "Freilich findest Du auf meiner geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbrühe, wie sie hier erfordert wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen scheucht, aber deutscher Jäger und Edelleute köstlichste Speise ist. Eben so wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu geniessen, sondern die einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der Knechte nennt."

Die hübsche Pförtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlängerten Besuch auf's Höchste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den Kopf in die stube. "Wir haben einen Gast," rief ihr der Prälat freundlich nickend zu: "Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werte Fiorilla, meinen geliebten Neffen vorstelle."

Fiorilla staunte ein Weilchen den Jüngling an, der so schnell ein Verwandter des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung, legte für den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schön gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab