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lächelnd, halb misstrauisch Dagobert. – "Lasst Euch sagen:" erwiderte der Jude geschäftig, zutraulich und eilig: "Gottes Wunder sind gross. Ich bin gelaufen gegen Hungarn, um dort zu finden mein Brod oder den Tod, und zu besuchen die Städte, wo sie gemordet haben meinen Sohn. Das Gespenst des Andern hat mich gejagt, .... doch Ihr versteht nicht, was ich rede, und darum sag' ich Euch, dass ich gekommen bin zu der ägyptischen Horde, die von Aufgang herzieht gegen Niedergang, und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von unsern Leuten, um also zu gelangen in's Abendland, das sie nicht erreicht haben würden, als Juden, allein und hülflos. Denn mir war's eingekommen plötzlich zu wandern nach dem hispanischen Land, und zu suchen mein Glück. Geschah es eines tages, dass ich finde bei einem gestorbnen Ägypterweibe, das im Graben lag, ein Knäblein, fein und flink, d a s bitter weinte, fragte ich ihn nach seinem Leid, und erzählt mir der Bube, dass hier seine Pflegerin liege, tot, und dass er sei hülflos in der Welt, denn die Alte habe versprochen, ihn zu führen zurück bei seinen Eltern, denen er gestohlen worden sei von wälschem Bettvolk, das ihn, der krank und schwach gewesen, brauchen wollte, um der Allmosen mehr zu gewinnen für das sieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht, statt es noch gänzlich aufzureiben, so ist der Knabe bald geworden ein unnützig Essmaul für die Bettler, und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das tot vor mir lag." – "Ei, Jungelchen," sprach, ich: "weisst Du denn, Du junges Blut, wer sie sind Deine Eltern, und wo sie wohnen?" – Der Knabe lachte, und hat gesagt in seiner halb kauderwälsch gewordnen Sprache: "Freilich weiss ich's Alter! Heiss ich doch Johannes Frosch, das liebe Junkerlein von Frankfurt; denn also hat mich die Willhild genannt, alle Tage da ich bei dir gewesen bin auf dem dorf." – "Gott! Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunter stiege von den Fingern der Cohenim und sich setzte auf meine freudige Brust." – "Mensch!" fiel Dagobert ein: "ist das wieder eine Lüge? oder spricht ein gnädiger Gott Wahrheit aus Deinem mund?" – "Wahrheit, Herr, Gott soll mir helfen!" versetzte der Jude gerührt, mit Tränen in den Augen, und die Worte schnell herausstossend: "Denn wir sind gekommen an, und waren bald verzweifelt, weil man uns drüben streng bewacht, dass keiner herüber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem Oberstrichter Alles zu entdecken. Morgen wäre es jedoch geschehen, .... da hat der Herr uns heute befreit. In dem Getümmel und Geschrei, dass man die Stadt verraten wolle und anbrennen, haben wir gewonnen die Flucht, und sind herüber gekommen ganz und heil; lasst den Buben holen, der beim Pförtner sitzt, .... lasst ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Israels, und bei des Vaters Seele, auf der der Friede sei; der Knab' ist Euer Bruder, Euers Vaters Sohn!" – "Johannes!" rief Dagobert entzückt, und eilte nach der Treppe. Da tönte schon von unten die stimme der alten Willhild, die schon am Tage verstohlen in's Haus gekommen war, um bei Frau Margareten und dem Brautpaar ihren Glückwunsch abzustatten. Sie kam dem Sohne Dieter's auf der Stiege entgegen, den Knaben schon im arme, den sie so eben beim Pförtner gesehen, ihn küssend unter Tränen, und ihn an's Herz pressend, wie das eigne Kind: "Herr!" stammelte sie schluchzend, und den Knaben in des Bruders arme legend: "Herr! preisst Gottes Barmherzigkeit. Johannes ist der Knabe, – frisch, gesund und von graden Gliedern ist er, – er hat mich erkannt, er nennt seine Eltern, – er bringt Freude und Glück in Ihr Haus!" – "Und Ruhe, Friedensruhe in meine Brust!" setzte Ben David in seliger Zufriedenheit verstohlen bei, gegen Himmel blikkend: "So hab' ich doch nicht umsonst gelebt; so hab' ich doch nicht gelitten umsonst. Leid ist gekommen durch mich über dieses Dach, – Freude, Freude führe ich an meiner Hand wieder, hinein!" – Indessen hatte Dagobert die tür aufgerissen, und den Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margaretens Schooss. – "Mutter! Euer Sohn!" rief er freudetrunken, und der Knabe, der in seinen, des aus ihrem Gedächtniss Verschwundnen, Armen unruhig und ängstlich geworden war, brach in lauten jubel aus, da er die Mutter wieder sah, deren Züge ihm nicht fremd geworden waren. "Mutter! Mütterlein!" schrie er, weinend vor Entzücken: "Mütterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Junkerlein von Frankfurt ist wieder da. Nicht mehr von Dir lasse mich, Mütterlein, und dem guten mann, der mich wiedergebracht! Hörst Du, Mütterlein! hörst Du? den armen Johannes behalte bei Dir!" –

Wer hat Mutterfreude je gesehen? Wer hat das Entzücken je genossen, das