welche Grillen!" entgegnete Dagobert, ruhig und gelassen, und sah offen und ehrlich dem bekümmerten Weiblein in das schwimmende Auge: "Diese Zweifel tun mir weh; indess ist ein Vertrau'n des Andern würdig. So wisse denn, mein Kind, dass ich nicht von heute, nicht von gestern an, dich in meiner Brust trage, als eine liebe Freundin. In den Fesseln einer seltnen und seltsamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn für Deinen Liebreiz, Deine kindliche Anmut, und ich hatte in der letzten Frist Mühe genug, gegen mein Gefühl anzukämpfen, und die Stimmung zu behaupten, die das Erlöschen meiner töricht geträumten Glückssonne in mir erzeugt hatte. Ich floh wohl dann und wann sogar Deine Nähe, mein süsses Kind, und jener Ringkauf an des Goldschmids Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Bestimmung herbeigeführt. Ich läugne es nicht, dass dabei mein Herz schwer verwundet wurde, und gleich darauf, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel, kam mir die Kunde, dass sie, um die ich trauerte, sich gänzlich losgerissen von meinem Herzen und Gedächtniss. Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war vergeblich, unnütz, kindisch, und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will verschweigen, welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Joël auf mich machte. Das finstre, grämliche Gesicht des Buntgekleideten, seine flache Einsilbigkeit, beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur für das Geld Sinn hatte, das ihm mein Vater hinzählte, – ihn, der so kalt und teilnahmlos mir die wenigen Geschenke wieder reichte, die Ester einst von mir empfangen, – ihn hatte sie mir vorziehen, – diesen Juden mit ihrer Hand begaben können! – unwillig entliess ich den Mäkler, gehässig dachte ich an sein Weib zurück; und Deine Schönheit, Deine jungfräuliche Tugend trat, wie durch einen Zauberschlag, lichtglänzend und strahlend, wie eine Himmelsgestalt, vor mich. Mit diesem Engelbilde besuchte mich auch mein guter Geist, und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend führte er mich mit Sturmgewalt, dass ich durch seine Weisheit das Gute vom Bösen unterscheiden lernen, und den würdigen teil erwählen möge. Ich vermag es nicht, Dir die Worte zu wiederholen, die seinem mund entquollen, mir zum Troste und zur Belehrung. Genug; ich verdankte ihnen meine Ruhe und die Rückkehr meines heitern Sinns, das Bewusstsein, Dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben, meine gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich überzeugt, dass Segen und Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Ester und mir entsprungen wären, hätten beider Herzen sich auch unveränderlich geliebt. Die Kluft ist zu gross gewesen, selbst für die Edelsten und Besten, und sie überspringen zu wollen, war nur der Wunsch, die sehnsucht einer feurigen, rücksichtslosen Jugend. So habe ich mich denn schnell entschlossen, mein süsses Weib, um Deine Hand zu werben, und mit dem Kranze der Zufriedenheit meiner Ältern Dach zu zieren. Da ich am Altare schwur, war ich fertig mit der Vergangenheit, die freundliche Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grab geleiten wird; mein Frohsinn hat sich wieder eingestellt, und dies fest nicht unwürdig begangen. Ich bin der Alte geworden, und selbst die Stürme dieses Abends, wie sie sich auch noch gestalten mögen, sollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur Dich, mein Kleinod, unversehrt aus dem Gedränge." –
Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagoberts arme, und die Neuvermählten vergassen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her, mit seinen düster brennenden Kerzen und seiner ängstlich lauschenden Bewohnerinnen, wie auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben, Lärmen und Treiben, dessen Ursache noch kein Mensch, allem fragen zum Trotze, angeben konnte. Da erdröhnte von wiederholten Schlägen die Pforte des Hauses, dass alle Anwesende zusammenfuhren, und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken aus dem Schlafe taumelte, und in die arme der gütigen Margarete lief. – "Was gibt's da unten?" rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu, und dieser winkte ihm, jedoch die Übrigen mit einigen Worten beruhigend, auf die Seite. – "Ein Mann ist draussen, der Euch zu sprechen wünscht;" flüsterte er wichtig: "fast bedaure ich's, ihn hieher geführt zu haben; denn erst beim Laternenschimmer im Hausgange ersah ich, dass der Bursche einer von dem ägyptischen volk ist, das gestern hier eingezogen ist, und in Sachsenhausen Rasttag hält. Vor solch Gesindel muss man auf der Hut sein, darum hab' ich seine gefährten bei dem Pförtner zurückhalten lassen, – als Geissel für Eure Sicherheit Herr, und die des Hauses. Draussen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch." –
Dagobert folgte dem Forstwart mit Zuversicht und Mut, und stand alsobald vor dem dunkelbraunen Gesellen, dessen Gesichtszüge die herunterhängenden Haare verbargen. – Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da strich der Mann die Haare zurück, und fragte mit wohlbekannter stimme: "Kennt Ihr mich nicht mehr. Herr Frosch? Bin ich Euch geworden ganz fremd?" Er streckte die Hand dem Staunenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte, zurücktrat, und schier erschrocken aus rief: "Ben David! Mensch! bist Du's, oder äfft mich ein possenhafter Zufall mit Deinem gesicht und Deiner stimme?" – "Soll mir Gott helfen, als ich's selber bin