Die schwarze Stunde trat auf seine Ferse. Am Ausgang eines Gässleins warf sich den Flüchtigen ein Trupp von Fussknechten in den Weg, und trennte sie. Während auf der einen Seite der Hornberger angehalten wurde, und seine Kunst, so frech zu lügen, dass man's glauben musste, in Anwendung brachte, verbarg sich Leuenberg unter die Bank eines Eckhauses, und kroch schwerfällig hervor, da die Söldner weiter gezogen waren. Mit aller Schwere seines Körpers und seines eiligen Laufs fiel er einem unfern gehenden mann, den er für Hornberg hielt, um den Hals und in die arme. "Pest und roter Hahn!" rief er, obwohl leise genug: "Du hast Dich meisterlich durchgelogen, Veit; und nun lass' uns weiter gehen." – Der Mann brummte einige unverständliche Worte, und suchte sich los zu machen. Um so fester klammerte sich der Leuenberg an ihn, und raunte ihm hastig und bebend in's Ohr: "Hornberger! Du wirst mich doch jetzt nicht verlassen wollen? Nur jetzt nicht Bruder, denn beim Teufel, ich bin schwach wie ein Kind, und in meinem Herzen spür' ich 'ne Angst, wie ich sie nicht verspürt, da ich dem Dürning den Rest gab, ob's gleich mein erstes Stücklein war." – Da stiess der Mann, Veits böser Engel – einen gellenden Schrei der Überraschung aus, und eine derbe Faust packte den Raubjunker wild bei der Brust. "Hund!" rief eine fremdartige stimme: "Du bist's also? Du der Schelm, der meinen Herrn ermordet hat? Nieder mit Dir, Mordbube!" – Beim auflodernden Schein eines Pechkranzes sah Veit mit sträubendem Haar in ein wüstes, grausam verzerrtes Gesicht, und dieser blick war sein letzter, denn Ammon's Jagdmesser übte die langgenährte Blutrache fürchterlich und schnell, dass kein laut dem Darniedersinkenden mehr über die erbleichenden Lippen ging. Ammon stand eine Weile mit wilder Zufriedenheit bei dem Entseelten, steckte den rächenden Stahl in die Scheide, und murmelte: "Wenn das nur Zufall war, so bin ich ein Schurke, und will schlechter sein, als der gemeinste Heide. Nach so langer Frist musste ich hieher geraten, um dem Todtschläger des Herrn seinen Lohn zu geben? Und er ging heim, ohne zu wissen, wer ihn heimschickte? und ich erschlug ihn, ohne mehr von ihm zu kennen, als sein selbstgeständiges Verbrechen? Lieber Herr dort oben, bitte' für mich, wenn's eine Sünde war, die ich getan!" – Er wendete sich nun schnell von dieser Stelle, und wollte von dannen, als unfern von dem platz eine Flamme aufging, und das ganze Gewühl der in den Strassen strömenden Volksmenge zu der Rettung eines brennenden Hauses aufforderte. Ammon, – nicht gelaunt, dem Gewühle zu folgen, hielt sich gegen den Strom fest an der Ecke des Nebenhauses. Fussgänger und Berittene gingen über den Leuenberger weg, ohne im allgemeinen Drange der gefürchteten Gefahr sonderlich auf den in dunkler Gasse Erschlagenen zu achten, und da der Menschensturm etwas nachliess, drängte sich ein Mann, mit einem kind an der Hand, quer durch, und wendete sich mit Heftigkeit an den harrenden Ammon. – "Der Lärm und das Getöse hat mich verwirrt gemacht;" sagte er mit unruhiger Hast: "Wollt mir berichten, wo man zum Liebfrauenberg am schnellsten gelangt." – "Ich gehe dahin;" erwiderte Ammon, den Zerlumpten misstrauisch betrachtend:. "Habt Ihr ein gut Gewissen, mögt Ihr folgen; wo nicht, so bleibt zurück; der Schulteiss befehligt dort." – "Auf meinem Wege fürcht' ich ihn nicht;" antwortete der Andere ruhig, und folgte mit seinem kleinen Begleiter getrost dem schnell vorangehenden Ammon.
Fussnoten
1 Sturmglocke; eigentlich viel später erst aufgehängt.
Vierzehntes Kapitel.
Findet ihr den Trost nicht in der Nähe, so erhebt
euch und sucht ihn immer hoher; der Paradies
vogel flieht aus dem hohen Sturm, der sein Ge
fieder packt und überwältigt, bloss höher hinauf,
wo keiner ist.
Jean Paul.
Noch eine Stunde vor jenem wüsten Lärm und Getöse, von welchem jetzt die bedrohte Stadt wiederhallte, war Dieters Haus ein Schauplatz stiller geselliger Freude gewesen, und ein froh' und zärtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz die Ehrenämter des Hauses verwaltet, um den Gästen gefällig zu sein. Das Prunkgemach des Gebäudes, das ganze Jahr hindurch verschlossen, und nur bei feierlichen Anlässen eröffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen seine Herrlichkeiten aufgetan. Längs der blank getäfelten Wand streckte sich der reichbelastete Tisch, von Polsterbänken und zierlich geschnitzten Schemeln umgeben; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangstüre. Gegenüber fanden die Spielleute ihren erhöhten Platz. An den Wänden flammten Armleuchter, von der gemalten Decke schwebten an grünen Laubgewinden viele Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglänzende Bänder herniederflatterten bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im saal. Denn das junge Volk hatte, Braut und Bräutigam an der Spitze, den Tisch verlassen, um sich an rascher Bewegung zu ergötzen. Die Alten waren zurückgeblieben, und liessen sich das letzte Prachtstück der reichen Tafel, den köstlichen Mandelkäse schmecken, der bei keiner ähnlichen Festlichkeit fehlen durfte, und auf dessen Zubereitung die grösste Sorgfalt verwendet wurde. Während nun also Alt und Jung dem Vergnügen fröhnte in erlaubter Hingebung, brach plötzlich von aussen die Störung ein, die das lustige Band der Geselligkeit zerriss. S'