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den Höhen Horeb; denn zornig ist der Herr, und doch allmächtig in dem Schwachen." – Bei diesen Worten schob sie den schweren Riegel vor der Falltüre des Geisselgewölbes, und bemühte sich, die ungeheuern Eichenbohlen aufzuheben; mit aller Anstrengung gelang es ihr nicht, und sie wollte schon das Werk verlassen, als die Nonne sich selbst herabliess, ihre hülfe anzubieten, und zu leisten. Der vereinten Kraft der Weiber fügte sich die schwere Last, und liess sich in ihren Angeln herumlegen. Judit, den scheidenden Abendstrahl, der durch die Fenster schimmerte, als einzige Leuchte mit sich nehmend, eilte die Treppe hinab, nachdem sie noch gesehen, wie die Nonne durch die Seitentür in den Kreuzgang verschwunden war. Kaum aber war der Klang ihrer Schritte schwächer geworden, und sie im Gewölbe selbst angekommen, als schnell die Nonne zurückkehrte, auf die Gruft zueilte, die eiserne Stützstange der Falltüre wegriss, und die Pforte donnernd und dröhnend in ihre Fugen fallen liess. Der Schlag hallte schrecklich im ganzen Gebäude wieder, und vor ihrer eignen Handlung erschreckend, floh die Boshafte nach ihrer Zelle. Dort atmete sie ruhiger. – "Mut, Wallrade!" sagte sie zu sich: "geht heute die Rache nicht in Erfüllung, so verzichte ich auf sie in Ewigkeit". Die schwatzhafte Judit schmachte, bis die Stunde vorüber. Ihr ohnmächtiges Poltern an der Grabespforte wird die furchtsame Beschliesserin zum Gespensterspuck rechnen, und mit scheuem Kreuzschlage ihres Weges ziehen. Ein Zufall entschuldigt wohl später der Laienschwester unwillkommne Haft. Ich aber will spielen mit dem Schicksal, das jetzt in meiner Hand liegt. Die zehnte Stunde muss erst geschlagen haben, ehe ich durch meine Worte die Stadt rette. Ich will sehen, wie in meinem haus dass Unglück schreitet; ob ich allein dazu verdammt bin, oder Andre mit. Falscher Dagobert! so schnell konntest Du Deine Liebe vergessen, und treulos in die arme einer andern sinken? So war es nicht gemeint. Ich raubte Dir der Zelle Trost, damit Du der Entsagung und der Täuschung Foltern schmeckest dein Lebelang; damit Du Unkraut säest im Vaterhause, wie bisher. Glücklich wollt ich Dich nicht sehen, und heutewelche Freudeheute trittst Du an Deines Glückes Gränze. Die Pforte dazu ist auch schon sein Markstein. Fahre hin; und Du, einfältige Braut, und Du, scheinheilige Stiefmutter, welche einen Sieg über mich errungen zu haben wähnt; fahrt hin, ihr Lästerzungen alle, die ihr meinen Leumund zerfleischt habt, und an meiner Feinde Hochzeitstisch zu prassen denkt. Schon rüstet sich der Pfaff zu Eurer Todtenmesse! – Sie schauderte selbst vor dem entsetzlichen Gedanken zurück, und ein Bild mit greisen Zügen und weissen Haaren, ein Bild voll Liebe und Gram stellte sich langsam in der Dämmerung vor ihre Augen. – "Mein Vater!" seufzte sie unter menschlicher Regung: "Mein Vater! Er ist der einzige in jenem haus, der nicht fallen sollte wie die Andern? Er ist aber auch der tugendhafteste, setzte sie, in grausamem Wahn sich selbst belügend, hinzu: und Gott tut Wunder an dem Gerechten. Wenn Gott nicht will, so erlahmt der Arm des Mörders, sein Stahl zerbricht, und frei aus geht der Gute unter'm fürchterlichsten Wirrsal. Fasse Mut, Wallrade, rede nicht matt und feige. Gott wird unter den Sündern die Seinen finden und behüten." – Also ihr böses Trachten mit ihrem nagenden Gewissen trotzig, und schlau vereinbarend, liess die tückische Wallrade die Stunde hinschleichen, und schwelgte im Voraus in den Schreckensauftritten, die im Vaterhause vorfallen sollten. Ihres Vaters gedachte sie zwar häufig, – weniger, ihres armen Sohnes, aber die Glut wilder leidenschaft und eine gewisse freche Lust, das Schicksal in die Schranken zu fordern, erstickte den Funken von Kindesliebe in ihrer Brust. Mutterliebe hatte sie nie gekannt, und das Andenken an den so gehassten Vater des kleinen Johannes war allein schon hinreichend, um sie zu bewegen, den Knaben einem dräuenden Unheil sonder Mitleid zu überlassen. Während nun die Schreckliche also still und einsam in der dunkeln Zelle brütete, und die arme Judit im ganzen Kloster wie verschwunden schien, dämmerte tiefer und tiefer der Abend nieder; die Strassen wurden leerer, die Trinkstuben voller, und auch im Knippling ging es lustig und geräuschvoll her. In der vordern stube johlten Waidträger, Löher und Schiffknechte, in dem hintersten Gemache sassen die Verbündeten mit mehreren ihrer Helfershelfer beim schäumenden Trunke. Die neunte Stunde hatte schon längst geschlagen, und mit Ungeduld harrten die Raublustigen, auf die zehnte. Um sich die Langeweile und Unruhe zu vertreiben, trank der Hornberger Zug für Zug einen Becher leer, und der Reiffenberger, wie auch Veit von Leuenberg taten herzhaft Bescheid. Zodick hingegen hielt sich nüchtern, und ermahnte die Führer der, bereits auf ihren Sammelplätzen versteckten Knechte, die sich ebenfalls zum Abendtrunk hier eingefunden hatten, klar und hell im kopf zu bleiben, um den Dienst nicht zu versäumen. – "Wie der Jude schwatzt!" rief der Reiffenberger unwirsch: "Ein rüstiger Mann und ein wackrer Fussknecht müssen trinken wie Teufel, um, gleich Teufeln, losschlagen zu können .. Im offenen Streit ist ein kleiner Weinnebel an seiner Statt; man sieht nicht lange, wo man hinschlägt. Um eine Kehle abzuschneiden, bedarf man freilich klarerer Augen." – "Mein! mein!" versetzte Zodick giftig: "wir wollen sehen, wer lacht von uns