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seltne Singvögel aus gelben Drahtkästchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem üppigen Lotterbette. Das herrlich geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt, die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.

Dagobert hatte Musse genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich derselbe schwerfällig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche Augustinermönch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen Augen, auf den sich Dagobert wohl noch zu zeiten aus seiner frühsten Kindheit erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prälaten umgewandelt, der ausser dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts Mönchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefärbt. Die Augenbraunen waren auch mit trügerischer Farbe geschmückt, goldne Ringe hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife glänzten an den Händen. Die Fülle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen, ihm ein jüngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemut mehr durchblicken, liess. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht träumen liess, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prälaten, der durch eine nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jüngling einlud, zu sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablässig betrachtend. Der Prälat fand hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr. fürstlichen Gnaden?

"Ach, hochwürdiger Herr!" begann Dagobert, bei dem die Rührung die Oberhand gewann: "Nicht des Herzogs Wille führt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz allein!"

Der Prälat mass ihn mit staunenden Blicken. "Seltsam!" sprach er alsdann: "was hätte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne, und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerten verbergen müsst?"

"Brauche ich einen Namen vor Euch?" fuhr Dagobert dringender fort: "Sprechen nicht aus meinem gesicht bekannte Züge zu Euerm Gefühl."

"Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ..." entgegnete der Prälat betreten, und holte seine Brille aus dem Ärmel: "Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine Mutter?"

"Wie mögt Ihr nach der Mutter fragen?" sprach Dagobert weiter: "Die Edle ruht im grab; doch des Vaters Name ......"

"Genug, genug, mein Sohn!" Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender Befangenheit, und sein blick suchte den Boden, während er die Hand zum Kusse reichte: "Du bringst mir eine böse Nachricht. Rechinald ist tot? Gott genade ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Für Dich zu sorgen wird mir schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten zeiten, gedrückt und gepfändet, als hätten wir des Erdreichs Schätze allein; ... ich werde wahrlich Nichts für Dich tun können."

Dagobert betrachtete ihn während dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Prälat Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plötzlichen Geistesabwesenheit, also irre und verworren spreche.

"Wie ist Euch doch zu Sinne?" begann er endlich, da die peinliche Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: "Was Ihr mit der Rechinald zu tun begehrt, der Gott ein langes Leben, – oder, wäre sie wirklich gestorbeneine fröhliche Urständ schenken möge, – das weiss ich nicht. Ich habe nie Eine dieses Namens gekannt, und meine Mutter hiess Wallrade, wie meine schlimme Schwester. Ich weiss jedoch ganz ausgemacht, dass ich nicht als zudringlicher Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrücklichen Wunsch und Willen, hochwürdiger Herr oheim! Der Vater lässt Euch bestens grüssen, und die Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werde ich's Euch herzlich danken. So sich aber Eure Willensmeinung geändert hätte, kehre ich stehenden Fusses um gegen Frankfurt, ohne Groll und Reue."

Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prälat aufmerksamer, ruhiger und aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem gesicht, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen Augenblick hindurch die Züge des letzteren, und rief alsdann, ihm beide hände hinreichend: Ach du närrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme Deinen alten oheim! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!

"Dagobert umhalste den blödsichtigen Prälaten und setzte sich, wie dieser es begehrte, neben ihn auf das Ruhebette." – "Ja, das ist ganz das Gesicht des Bruders!" sprach Hieronymus: "Meine bösen Augen! Vergib mir nur den Missgriff, lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzuführen. Ich hätte darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes Beichtkind,