heimwärts; allein, da es um die Zeit war, da alle Handwerksgesellen durch die Strassen jubelten, von der Arbeit kommend, – die reichern Kaufleute ihre Laden schlossen, und die Vornehmem der Stadt behaglich lustwandelten durch die Strassen in der abendlichen Kühle, – da wurde dem Knaben das Herz schwer, seine Tritte wurden langsamer, da er der Gräul gedachte, die in diesen froh lebendigen Strassen bald wüten sollten. Hausväter und ihre Frauen, ihre Kinder und Enkel sassen vor den Türen, durch welche der Mord eingehen sollte, – buntgekleidete Musikanten, Lustigmacher und dergleichen Volk durchstreiften die Gassen, und wenn man sie fragte: "wohin die Reise?" so antworteten alle: "Zu des Altburgers Froschen Haus; 'sist Hochzeit dort, und die Stosspfeifer dürfen zum Tanz nicht fehlen!" – Diese Worte zerrissen Heinrichs Brust, und ohne Bewusstsein und Willen fast, flüchtete er sich in die uralte Kirche der Weissen-Frauen, die noch offen stand für Reuige und Leidende. Ein innrer Trieb zwang den Knaben, sich vor den Stufen des vergitterten Chors nieder zu werfen auf seine Kniee, und inbrünstig zu Gott zu beten, um Erleichterung, um Trost, um hülfe und um Eingebung von Oben. Nachdem er sein Gebet verrichtet, sah er sich um in der Kirche und sie war leer; er blickte, mit Anstrengung auf den Zehen sich erhebend, durch das Chorgitter, und gewahrte eine von den weissen Frauen, die auf einen Betschemel kniete, und zu beten schien; sonst niemand. Da fuhr dem aufgeregten Knaben ein abenteuerlicher Gedanke durch den Kopf, und er schritt auf der Stelle zur Ausführung, – dem Zufall es überlassend, ob seine Saat auf guten Boden falle, oder auf Stein. Die Nonne dort konnte ja schlafen, – sie konnte taub sein oder ungläubig; aber – Gott wird ja Alles zum Besten lenken, dachte der Knabe, ... und Deinen Schwur hast Du nicht gebrochen. – Er wendete sich daher frischen Muts knieend mit ausgespannten Armen zu dem Magdalenenbild, das, verwittert und. bemoosst am Eingange des Chors trauerte, und sprach mit vernehmlicher Zunge: "O Du, mein heiliges Steinbild, lass Dir vertrauen, was ich geschworen habe, keiner lebenden Seele zu verraten, und wann der Herrgott nicht ein Wunder tun will, und Dir den steinernen Mund öffnet, dass Du redest, – so behalte in Deinem tauben Ohre meine Rede. Wisse, dass die Stadt in grosser Gefahr ist, dass böse Gesellen sich verschworen haben, mit der zehnten Stunde Glockenschlag noch heute den Hochzeitschmauss in der Froschen haus in ein Blutbad zu verwandeln, und zu erwürgen Alles, was sich dort zusammenfindet, vom Bräutigam bis zur Magd. Wisse, dass auf diesen Mord die Stadt angestossen werden soll mit Feuer, und geplündert der Reiche, und ermordet Arm und Reich. Wisse, dass die Ägypter herübergerufen werden sollen, um Stein von Stein zu reissen, während die Mörder den Main hinunterschwimmen wollen auf abgekappten Schiffen, von Blut und Beute schwer. Wisse diess All', du heiliges Steinbild, denn mein Herz kann's nicht bewahren, und die Zunge soll's doch verschweigen. Wahr ist's; dazu helfe mir Gott, und von dem tod all' den armen Leuten, die morgen nicht mehr leben sollen. Amen!" – Der Knabe hatte dieses Bekenntniss kaum abgelegt, als er mit der Eile eines flüchtigen Wildes die Kirche verliess, um heimzulaufen. Seine Worte waren nicht ungehört verhallt. Die weisse Frau hatte sich horchend erhoben, und keine Sylbe verloren; aber nicht minder hatte eine dienende Schwester, die von einem vorspringenden Grabmal verdeckt, dem blick des Knaben entgangen war, alles gehört mit zagender entsetzter Seele. Der kleine Redner war auch kaum ausser der Kirche, als die Schwester zu der Nonne trat, und dringend fragte: "Habt Ihr gehört, hochwürdige Frau!" – Die Nonne nickte stolz mit dem kopf. – "Um aller Heiligen willen!" fuhr die Andere fort: "war das ein wahnsinniger Bube, oder ein gesunder Herold der Wahrheit?" Die Nonne zuckte die Achseln. – Die Schwester sprach ängstlicher, und die hände ringend weiter: "Wie mögt Ihr doch so kalt und gleichgültig sein, würdigste Frau, da doch die Schreckenskunde euer eigen Haus betrifft? Die stimme des Herrn ist die eines Löwen, dass Zion sie vernehme!" – "Was wollt Ihr denn tun, Schwester Judit?" fragte die weisse Frau langsam und bedächtig. – "Reden, reden will ich;" antwortete Judit heftig: "des Herrn Gnade verkünden. Du sollst Dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Die Oberin, der Beichtvater, der Rat soll wissen und erfahren, du Himmelskönigin und Jesu Christe! es ist keine Zeit zu verlieren."
Die Nonne blickte starr und schweigend vor sich hin. Judit machte sich indessen fertig, dem Chor zu melden, plötzlich jedoch besann sie sich, und sagte zu sich selbst: "Die Pflicht geht vor. Tue zuerst, was Du musst, und dann erst, was Du sollst. Bald hätte ich den Geisselstrick der Oberin aus dem Gewölbe mitzunehmen vergessen." "Gleich", setzte sie zu der Nonne gewendet hinzu: "gleich, hochwürdige Frau, bin ich zurück, und dann lasst uns den Mund auftun, um zu reden mit der stimme der Gewitter, wie der Herr getan hat, auf